Schmutznester vermeiden

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Raimund Kirch als Ex-Chefredakteur der NZ und Mitglied im Herausgeberbeirat
Raimund Kirch als Ex-Chefredakteur der NZ und Mitglied im Herausgeberbeirat

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Raimund Kirch, Ex-Chefredakteur der NZ und Mitglied im Herausgeberbeirat

Vergangene Woche in der Bundeshauptstadt: Es ist kein Wunder, dass sich hier die Welt trifft, die Kunst floriert, die Theater ausgebucht sind und selbst an diesem kalten Wintersonntag der Berliner Dom gut gefüllt war. Allen Unkenrufen zum Trotz ist auf U-Bahnen und Busse Verlass. An allen Ecken und Enden wird gebaut und renoviert.  

Trotzdem wunderte mich schon am ersten Morgen auf meinem Weg zum Bäcker, dass die Orangewesten-Träger vom BSR (Berliner Stadtreinigung) die Tonnen zwar akkurat leerten, einen Haufen mit Unrat aber unbeachtet ließen. Er lag (und liegt wohl noch immer) in einer Durchfahrt von einem Innenhof in Friedrichshain. Jeden weiteren Morgen, so konnte ich beobachten, wurde der Haufen ein klein bisschen größer: Alte Kleider kamen hinzu, Laub­reste und auch ein zerbrochener Stuhl. Man nennt das „Broken-Windows- System“ – heißt zu Deutsch: Wird ein Grundstück nicht gepflegt und der Müll nicht weggeräumt, lassen langsam alle Vorüberkommenden ihren Abfall dort zurück. So entstehen Schmutznester.

Unweigerlich musste ich da an die jüngst veröffentlichte Kirchenstudie zum Thema Missbrauch denken, die deutlich gemacht hat, wieviel Ballast sich in beiden Kirchen durch Wegschauen und Totschweigen in Sachen Missbrauch angesammelt hat. Und ich denke und hoffe, dass jetzt endlich ein Reinigungsteam anrückt, das diesen Haufen Unrat wegräumt. Mehr noch, dass der Ort der Sünde so gut ausgeleuchtet und verschönert wird, damit sich Unrat gar nicht mehr breit machen kann. In der Psychologie nennt man das Monitoring. Man versteht darunter eine ständige freiwillige Kontrolle und Supervision. 

Gleichzeitig habe ich eine Vision, dass die ernüchternden Ergebnisse der Forum-Studie eine Bürgerinnen- und Bürgerbewegung in Gang setzt wie die derzeitigen Märsche und Veranstaltungen für den Erhalt der Demokratie und gegen Populismus und Fremdenfeindlichkeit. 

Man stelle sich vor: Menschen, denen die Kirche, denen Glaube und Religionsunterricht, Werteorientierung und Gedankenfreiheit wichtig sind, versammeln sich gehäuft wieder einmal beim Sonntagsgottesdienst. Ich bin mir sicher, am meisten überrascht wären die Pfarrerinnen und Pfarrer. Aber warum eigentlich nicht mal so rum?