Gottes grüner Daumen

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum vierfachen Ackerfeld

Jesus sprach: Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Markus 4, 26–29

Hier erzählt Jesus seinen Freundinnen und Freunden ein Gleichnis darüber, wie das Reich Gottes wachsen und gedeihen kann. Die Person, die den Samen streut, ist in meiner Fantasie eine ziemlich geschickte Gärtnerin mit grünen Daumen. Ich selber bin mit keinem grünen Daumen auf die Welt gekommen. Erst vor zwei Wochen ist mir tatsächlich ein Kaktus eingegangen. Ein Kaktus!

Die Theorie vom Gärtnern finde ich grandios. Mir leuchten die aufeinander logisch aufbauenden Schritte beim Säen und Pflegen von Pflanzen völlig ein. Sie werden von Jesus sehr schön beschrieben. Er wusste offenbar gut Bescheid. Ich stolpere eher darüber, dass das alles angeblich so leicht sein soll. Es ärgert mich fast ein bisschen, wie Jesus die Gartenarbeit beschreibt: Die Gärtnerin sät eine Pflanze, schläft – vermutlich mehrfach –, und wenn sie eines Tages aufwacht, wachsen schöne Blumen oder leckeres Gemüse in ihrem Garten. So wie in meinen Träumen.

So hätte ich das auch gern in meinem Garten. Und doch weiß ich von erfahrenen Gärtnerinnen, dass es auch ganz leicht gelingen kann. Und dass es bei jeder Ernte wie ein Wunder ist, wie die vielen eingepflanzten kleinen Samen, aufgehen und fruchten. Es ist wahrhaftig ein Wunder, dass im Herzen jedes winzigen Samens das Leben und der Wille zum Leben eingeschrieben sind. So, dass Jesus sagen kann: „Von selbst bringt die Erde Frucht.“ Auch wenn Garten- und Feldarbeit mühsam sein können: Wachstum und Gedeihen ermöglicht wer anders: Gott natürlich!

Und so ist es auch mit Gottes guter und gerechter Welt, mit seiner Herrschaft in unseren Herzen, mit dem Königreich der Himmel. Das Wachsen und Gedeihen seiner Herrschaft ist uns Christinnen und Christen im Herzen eingeschrieben. Jesus spricht ja oft davon, dass wir Gottes Kinder sind. Die Sehnsucht nach Gott, die wir ab und zu fühlen, erinnert uns daran. Die Sehnsucht nach Gott kann uns im Glauben wachsen lassen, so dass wir selbst jede und jeder ein göttlicher Garten werden. Sie macht uns auf Gottes Gegenwart in unserem Leben aufmerksam. Selbst in diesen Zeiten, in denen sich in unserer Kirche viel Frust und Traurigkeit ausbreitet: Mitgliederschwund, Personalmangel, Stellenstreichungen, Ressourcenkämpfe zwischen Kollegen und Gemeinden … die Gartenarbeit in Gottes Garten fühlt sich zurzeit sehr mühsam an. Als müssten wir alles selbst machen und dabei auch noch miteinander ringen, kämpfen und ständig aufpassen, dass keiner uns oder unseren Gemeinden etwas wegnimmt.

Vielleicht haben wir vergessen, wie es mit dem Wachsen und Gedeihen von Gottes Reich in seiner Kirche geht. Vielleicht haben wir vergessen, dass ganz unabhängig von unserer Mühe Gott selbst das größte Interesse an seiner Welt hat. Vielleicht haben wir vergessen, dass das wichtigste Werkzeug beim Garteln in Gottes Garten unsere Sehnsucht nach Gott ist, und nicht das Kämpfen und Ringen um Ressourcen. Zum Glück gibt es die Bibel! Wie gut, dass Jesus in seinem Gleichnis uns daran erinnert!

Pfarrerin Maral Zahed, Augsburg, Spirituelles Zentrum „Barfuß im Herzen“