Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt von Chefredakteur Martin Bek-Baier

So zog Abram herauf aus Ägypten. Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten. Und es war immer Zank zwischen den Hirten. Es wohnten auch zu der Zeit die Kanaaniter und Perisiter im Lande. Da sprach Abram zu Lot: Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. Da hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Gegend am Jordan, dass sie wasserreich war. Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten.

aus 1. Mose 13, 1–12

Abram, der später Abraham genannt wird, ist klug.  Es gibt Streit unter den Hirten seiner Herden und die seines Neffen Lot. Der Grund ist, dass das Land in das sie auf der Suche nach einer Heimat ziehen, bereits in fester Hand ist, und die Weideflächen nicht für beide Herden ausreichen würden. Abram geht nicht auf Konfrontation. Er sucht das Gespräch mit seinem Neffen. Als der Ältere könnte er bestimmen. Aber was, wenn dadurch Lot ihm insgeheim grollt, die Unzufriedenheit in ihm wächst und sogar in Hass umschlägt?

Abram entscheidet weise, er lässt dem Neffen die Wahl, um weiteren Streit zu vermeiden. Der nimmt natürlich das bessere Land am Jordan. Der Friede mit seinem Neffen steht für Abram höher als jeder wirtschaftliche Vorteil. 

Abrams Streit­schlichtung kommt auf den ersten Blick ohne direktes Einwirken Gottes zustande. Gott bleibt zunächst im Verborgenen. Im Rückblick erst erschließt sich sein geheimes Wirken. Als Antwort auf Abrahams Großmut wird im Anschluss an den Predigttext die Verheißung erneuert. Als Nachkommen Abrahams, von denen Gott hier spricht, gelten Juden, Moslems und auch Christen. Nur dass es zum heutigen Tage offensichtlich scheint, dass sie von Abrahams Einsicht und Weisheit nicht viel mitbekommen haben.

Wer denkt bei dieser Geschichte nicht sofort an die angespannte Situation in Israel und dem Gazastreifen in diesen Tagen? Statt Einsicht und Vertrauen regiert Hass und Wut. Der Streit währt hier schon Jahrzehnte – nahezu unversöhnlich – und alle klugen Ansätze zu einer friedlichen Lösung scheiterten letztlich spätestes bei dem terroristischen Angriff auf Israel und Massaker am 7. Oktober und den folgenden militärischen  Auseinandersetzungen. Letztere bringen möglicherweise eine Befriedung und mehr Sicherheit, aber sie lösen die Situation nicht dauerhaft. Eine Suche nach einer dauerhaften Lösung und Verhandlungen sind notwendig. Dazu braucht es aber die weise Einsicht, wie sie Abram wohl an den Tag legte. Ohne Einsicht wird es keinen Frieden geben.  

Ich vertraue darauf, dass Gott – in jeder Religion – Frieden möchte. Doch wo im Namen Gottes auf Hass, Gewalt und nur die eigenen Ziele gesetzt wird, wird es der Frieden weiterhin schwer haben.

Der Klügere gibt nach, sagt der Volksmund. Und diese Geschichte gibt ihm recht. Das Nachgeben erweist sich hier als tiefe Weisheit und führt zum gewünschten Frieden. Mehr noch, Gott ist auf der Seite dessen, der weise und einsichtig handelt und nachgibt. Was vor etwa dreitausend Jahren richtig war, ist das auch heute noch gültig? Ich kann mir keinen anderen Weg vorstellen.