Rückblick auf eine Epoche des Wandels

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Jürgen Zenker, seit über 20 Jahren Vorstand Dienste für Menschen bei Diakoneo verabschiedet sich in den Ruhestand. Foto: Herbert (Diakoneo)
Jürgen Zenker, seit über 20 Jahren Vorstand Dienste für Menschen bei Diakoneo verabschiedet sich in den Ruhestand. Foto: Herbert (Diakoneo)

Jürgen Zenker geht nach 32 Jahren in Leitungsämtern der Diakoneo in den Ruhestand

Nein, auch nach diesem Weihnachtsfest kommt für ihn keine Langeweile auf. Davon ist Jürgen Zenker, Vorstand der Dienste für Menschen bei Diakoneo, überzeugt. Zum Jahresende verabschiedet er sich in den Ruhestand. Am 11. Dezember findet seine offizielle Verabschiedung in der Neuendettelsauer Kirche St. Laurentius statt. Fünf Tage später will er alle seine Dienstschlüssel abgegeben haben.

Dabei kennt er seit 32 Jahren jedes Schlagloch und jede Baustelle auf der A6 zwischen Nürnberg und Neuendettelsau persönlich. Jeden Arbeitstag fuhr er seit dem 1. Oktober 1990 diese Strecke. Aus dem öffentlichen Dienst der Frankenmetropole hatte er sich damals ins Diakoniedorf beworben, „um etwas mehr zu bewegen“. Zunächst als Leiter des Zentralen Sozialdienstes der Behindertenhilfe. 

Damals begann der Rektor und Vorstandsvorsitzender Hermann Schoenauer seinen Umbau der Diakonie Neuendettelsau zu einer international tätigen diakonischen Einrichtung. Schon damals war unübersehbar, dass sich die Zeit der Diakonissen und ihrer aufopferungsvollen Hilfe dem Ende zuneigte. 

Bald wirkte Jürgen Zenker als Direktionsbereichsleiter für die Einrichtungen in Bruckberg und Himmelkron. Gleichzeitig schloss er die Weiterbildung „Management für soziale Organisationen“ bei der Führungsakademie für Kirche und Diakonie Stuttgart/Berlin ab. 1998 dann war Zenker endgültig im Vorstand der Diakonie Neuendettelsau angekommen: Er vertrat dort den Bereich der Behindertenhilfe, zunächst in einer Doppelspitze, seit 2002 allein. 

Er hat seitdem über viele Jahre die Entwicklungen in der Behindertenhilfe und bei der Arbeit mit Senioren miterlebt. Damals war die „Diakonie Neuendettelsau“ noch „streng hierarchisch“ und von „lauter Theologen“ und Schwestern geprägt gewesen, so erinnert sich der Sozialpädagoge heute. 

Ausbau und Wandel

Auch mit der damaligen Oberin Irmtraud Schrenk arbeitete Jürgen Zenker intensiv an der Umgestaltung der Diakonie Neuendettelsau zusammen. Sie ging 2001 nach 18 Jahren als Leitstern der Gemeinschaft in den Feierabend. Während ihrer Amtszeit musste sie sich
auf prägende Schwerpunkte der Schwesternschaft konzentrieren: Diakonissen sollten zumindest noch die älteren Schwestern versorgen. Wichtig waren der damaligen Oberin Diakonissen- und Einkehrtage, sowie seelsorgerliche Kurse und Möglichkeiten zur Meditation. Gerade erst habe er sie noch in der Bezzelwiese besucht, gesteht Zenker. 

Seit 2017 trägt er auch als Vorstand der „Dienste für Menschen“, für die beiden Leistungsbereiche „Dienste für Menschen mit Behinderung“ sowie „Dienste für Senioren“ Verantwortung. In diesem Jahr krönte er seinen Lebenslauf dann als alleiniger Vorstand im Bereich der „Dienste für Menschen“ bei Diakoneo. 

Auch Jürgen Zenker hat maßgeblich daran mitgewirkt, dass sich Diakoneo um mehr als das Dreifache vergrößerte und zu einem modernen Sozialunternehmen mit über 10.000 Mitarbeitenden und rund 200 Einrichtungen in Bayern, Baden-Württemberg und Polen entwickelt hat. Die politischen Weichenstellungen änderten sich während seiner Tätigkeit ebenso wie die Veränderungen in der Infrastruktur oder der gesellschaftliche Blick auf hilfsbedürftige Menschen. 

Diese Entwicklungen haben sich seitdem unaufhörlich fortgesetzt: Immer mehr Mitarbeitende mit anderen Bekenntnissen sind bei Diakoneo tätig. Gerade bei zunehmendem Arbeitskräftemangel im Pflegebereich beschäftigte Zenker mehr als einmal die Frage: Wie lassen sich Menschen in unsere Werte einbinden? Welche Haltungen sind nicht mit unseren Werten vereinbar? Wer die Rechte und die Würde auch von Menschen mit Behinderungen in Frage stelle, der habe eindeutig eine „rote Linie“ diakonischen Handelns überschritten, so machte er nun zum Abschied deutlich. 

Dabei verwies Zenker ausdrücklich auf die Verstrickungen Neuendettelsaus in die Politik des Dritten Reiches, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. In den 1940er Jahren wurden 1.200 Menschen mit Behinderungen aus dem Diakoniedorf als so genanntes „lebensunwertes Leben“ in staatliche „Tötungsanstalten“ verlegt und dort zumeist ermordet. Diejenigen, die in Neuendettelsau verblieben, überlebten.

Inzwischen sind jedoch die Personalentscheidungen in der Regel delegiert an die Einrichtungen vor Ort. Dies in bewusster Symmetrie zum sonstigen Wachstum. 

Die Größe der Diakonie ist für Zenker auch in diesen Krisenzeiten ein Segen, um sich stabil aufzustellen. Der Zentraleinkauf von Des-
infektionsmaterial, Masken oder Schutzanzügen war schon in Corona-Zeiten eine Gewähr dafür, dass es keinen Mangel gab. Das Labor in Schwäbisch Hall hatte die Möglichkeit PCR-Tests für Mitarbeitende innerhalb eines Tages auszuwerten. So mussten diese bei einem Krankheitsverdacht nicht tage- oder gar wochenlang in Quarantäne gehen, bis sich etwa ein fehlerhafter Selbsttest nachweisen ließ.

Auch aktuell krisenfest

Aber auch in der aktuellen Krise stehe Diakoneo gut da, so Zenker. Der Zentraleinkauf von Energie ist bis Ende 2023 zu Vorkrisen-Konditionen abgesichert. „Heimschließungen wird es nicht geben“, da lehnte sich der scheidende Vorstand weit aus dem Fenster. Höchstens wär-
en einzelne Plätze aus Personalmangel nicht besetzbar. Fortwährend habe Diakoneo in die Instandhaltung bestehender Heime investiert, so dass es auch jetzt keinen Rückstau gäbe. Auch laufende Bauprojekte seien abgesichert. Es gäbe eine gute Zusammenarbeit mit Bauunternehmen, die den Verband auch in Krisenzeiten als verlässlichen Partner kennen.

So kann sich Jürgen Zenker nach einem besinnlichen Weihnachtsfest unter dem Christbaum am 6. Januar 2023 beruhigt auf seinem Platz im Flugzeug zurücklehnen: Für diesen Tag hat er Flugtickets nach Südafrika gebucht. Denn dort lebt sein Sohn mit der Familie. Zehn Wochen dort sind eingeplant. Aber auch nach seiner Rückkehr will Jürgen Zenker im kommenden Jahr nicht die Nachfolger heimsuchen – noch nicht einmal bei den Festlichkeiten der Diakoneo. 

Und wenn er einen Wunsch frei hätte? Stabilität und ausreichend Mitarbeitende – weit über das Ende seines Wirkens hinaus.

=> Mehr unter https://www.diakoneo.de