Diese Freude übertrifft alles

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern aus Nürnberg

Die Geliebte wartet sehnsüchtig auf den Geliebten. Angespannt und unruhig steht sie am Fenster. Da, endlich sieht sie ihn in der Ferne und kann es kaum erwarten, bis er endlich bei ihr ist. Endlich hört sie auch schon die verlockende Stimme ihres Freundes, er ruft sie nach draußen.

In der Basisbibel ist Hoheslied 2, 8–13 überschrieben mit „Frühlingsgefühle“:

Hör ich da nicht meinen Liebsten? Ja, da kommt er auch schon! Er springt über die Berge, hüpft herbei über die Hügel. Mein Liebster gleicht der Gazelle oder einem jungen Hirsch. Schon steht er an unserer Hauswand. Er schaut durch das Fenster herein, späht durch das Fenstergitter. Mein Liebster redet mir zu: „Schnell, meine Freundin, meine Schöne, komm doch heraus! Denn der Winter ist vorüber, der Regen vorbei, er hat sich verzogen. Blumen sprießen schon aus dem Boden, die Zeit des Frühlings ist gekommen. Turteltauben hört man in unserem Land. Der Feigenbaum lässt seine Früchte reifen. Die Reben blühen, verströmen ihren Duft. Schnell, meine Freundin, meine Schöne, komm doch heraus!

Was hat nun so ein Text im Advent zu suchen? Vielleicht wirken die frühlingshaften Bilder und die mitschwingende Erotik zunächst irritierend. Doch sie drücken das Warten im Advent sehr eindrücklich aus. Freude, Hoffnung und Lebenslust bersten förmlich aus den Zeilen.

Ganz anders, als wir Warten anhand der Nachrichtenlage derzeit erleben. Das ist nebulös, unbestimmt und bedrohlich. Was am Ende herauskommt, wissen wir nicht. Die Prognosen in Medien und Politik lassen Schwieriges ahnen. Viele fürchten sich vor der Zukunft und fühlen sich gelähmt und machtlos. 

Was wäre, wenn – bildlich gesprochen – Gott an unsere Tür klopfen würde und uns herauslocken wollte? Wie würde er uns vorfinden? In einer kalten Wohnung, weil wir Angst haben unsere Heizkosten nicht bezahlen zu können? Genervt und gereizt, weil wir mit den immer schnelleren Veränderungen um uns herum nicht Schritt halten können? Ängstlich, weil wir in vielen Medien von Untergangsszenarien umgeben sind? Einsam, weil wir in der Pandemie verlernt haben, wie es ist mit vielen Menschen um einen herum?

Schnell, meine Freundin, meine Schöne, komm doch heraus! Wir wissen nicht, was bei den Liebenden alles passiert ist, seit sie sich das letzte Mal gesehen haben. Wir dürfen nur teilhaben an der großartig warmherzigen Wiedersehensfreude. Diese Freude übertrifft alles, was vorher vielleicht passiert ist. Wenn alles droht, einen zu überwältigen und man das Gefühl hat, nicht mehr zurecht zu kommen, hilft es sich auf den Moment zu konzentrieren. Wie die Liebenden! Sie nehmen nur noch ihre Freude aneinander wahr. Wie schmerzlich mitunter das Warten gewesen sein mag – in diesem Moment ist es völlig vergessen.

Ich wünsche mir gerade in diesem Jahr mehr solche kleinen Haltepunkte in den vielen Sorgen, die uns gefangen nehmen. Nur wenn wir mal innehalten, können wir das „Schnell, meine Freundin, meine Schöne, komm doch heraus!“ hören, können das wahrnehmen, was um uns herum eventuell überraschend „frühlingshaft“ ist. Geben wir Gott die Chance, in unseren Herzen und Leben anzukommen.

Elisabeth Hann von Weyhern, Regionalbischöfin, Nürnberg

Gebet:

Du liebender Gott, gib mir die Kraft zum Innehalten. Rufe mich heraus aus allem, was mir Sorgen macht. Schenke mir Vorfreude und fülle mein Herz mit Liebe. Amen.

Lied 11: Wie soll ich dich empfangen

rotabene
An dieser Stelle schreiben verschiedene Autoren für das Evangelische Sonntagsblatt.