Gott schafft Recht denen, die ihn anrufen

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Regionalbischof Christian Kopp zum Ende des Kirchenjahres

Er sagte ihnen aber ein Gleichnis davon, dass man allezeit beten und nicht nachlassen sollte, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam immer wieder zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage. Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte aber Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?

Lukas 18, 1–8

In diesem Jahr wurde das Lied „Baraye“ des iranischen Songwriters Shervin Hajipour richtig populär. Auf ganz sanfte Art singt der Künstler in seinem Lied darüber, wofür er dankbar ist und worum er bittet. Für seine Schwestern etwa. Für die Lippen, die das Lächeln gewohnt waren. Für die Freiheit. Das Lied kam all den Menschen gerade recht, die im Iran in diesem Herbst für die Freiheit demonstrieren. Für den Sänger selber wurde das Lied durch die Verbreitung als Protestsong zum Problem. Die iranische Regierung mag Freiheitslieder nicht.

„Für“ ist ein wichtiges Wort am Volkstrauertag. Für Menschen ist dieser Tag gemacht. Für Menschen und ihre Traurigkeiten und als Trosttag in schweren Zeiten. Menschen können nicht gut leben, ohne andere im Blick zu haben. Ohne sich für andere einzusetzen und ohne den Respekt vor jedem Leben. Genau dieses „Für“ zeichnet das Denken und Reden von Jesus aus Nazareth aus. 

Jesus erzählt von einem sehr selbständigen und selbstbestimmten Richter. Er verlässt sich allein auf seinen juristischen Riecher. Gott und die Menschen spielen für ihn keine Rolle. Jesus zeichnet hier ein Zerrbild einer neutralen Richterinstanz – ganz losgelöst von seiner Aufgabe und den Gegebenheiten, Werten und Personen. Recht gibt es für Jesus aber nicht ohne Beziehung zu Menschen und Situationen. Bei dieser Frau kommt der Richter ins Nachdenken. Sie nervt. Dauernd kommt sie mit ihren Rechtsanliegen zu ihm.

Das ist an sich schon für antike Gegebenheiten eine Besonderheit. Eine Witwe hat keine Fürsprecher. Sie hat kein Einkommen. Sie ist eine rechtlose Person, die am Existenzminimum herumkrebst und auf Almosen angewiesen ist. Genau so eine wenig anerkannte Frau lässt nicht nach. Sie bleibt hartnäckig. Sie sorgt für ihr Recht. Und macht den Richter mürbe. Seine Prinzipien kommen ins Wanken. Soll ich doch das machen, was sie will? Kann sie mir am Ende schaden? 

Solches Denken schadet allen aus Sicht von Jesus. Es soll gerecht zugehen auf Gottes Erde. Dieses Recht gilt für alle und für alle gleich. Gott wird denen Recht schaffen, die zu ihm rufen. Jesus wirbt für diese Haltung der Bezogenheit und Beziehung – sie hilft Menschen und hält sie im Leben. Wer sich mit Gott verbindet, findet den Weg ins Leben.

Regionalbischof Christian Kopp, München und Oberbayern

Gebet: Du, Gott, bist Gott des Friedens. Gib uns gute Ideen, in unseren Häusern und in unserem Umfeld dem Frieden Platz zu schaffen. Amen.

Lied 149: Es ist gewisslich an der Zeit