Fördern Worte das Verstehen?

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Susanne Borée Editorial Hintergrundbild Kraus

Editorial von Susanne Borée im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

„Gott gab uns Ohren, damit wir hören. / Er gab uns Worte, dass wir verstehn“. Als wir jung waren, war dieses Kirchenlied beinahe ein Hit für uns. Damals war die Welt noch viel einfacher und besser geordnet: Ein offenes Gespräch könnte alles klären. Daran glaubten wir fest. 

„Zusammen: Halt“ lautet das Thema der Friedensdekade, die nun ebenfalls beginnt. Ihre Impulse lassen uns innehalten und gegen die Vereinzelung angehen, die uns voneinander wegtreibt. Reichen Worte dazu aus?

Gerade in den vergangenen Jahren ließ sich zunehmend beobachten, wie viel Unverständnis und Nebel Worte schaffen können. Es gibt so viele Barrieren, die Verstehen behindern. Offene Worte wirken da als zusätzliches Hindernis. Sie fachen Auseinandersetzungen erst richtig an. Erklärungen helfen nicht – es bleibt nur Schweigen.

Dabei zeigt doch bereits der Beginn des Johannesevangeliums, wie hoch Gott das Wort als Grundlage seiner Schöpfungsmacht schätzt: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott“. Es ist die Grundlage aller seiner Werke.

„Für den jüdischen Philosophen aus Alexandria, Philo, war der Logos Gottes das erste Ergebnis der Schöpfung“, so das „Neue Testament jüdisch erklärt“ in seinen Anmerkungen zu diesem Hymnus. Er erhellt und erschafft die Welt. In dieser Woche, in der wir das Gedenken an die Reichspogromnacht umkreisen, soll auch an dieses Werk erneut erinnert sein. Es enthält so viele nachdenkenswerte Impulse.

„Und Gott gab uns / das Wort / und wir wohnen / im Wort“. So auch die jüdische Dichterin Rose Ausländer in ihrer Meditation zu dem Johannesprolog. Und in einer weiteren Strophe fügt sie hinzu: „Und das Wort ist / unser Traum / und der Traum ist / unser Leben“.

Die richtigen Worte zu finden, das wäre nicht nur im Streit mit nahen Menschen traumhaft schön. Sie liegen uns wie schwere Kiesel im Mund. Selbst beim Schreiben erscheint es so mühsam die richtigen Tasten für die Buchstaben zu finden. Da kann uns vielleicht trösten, dass Gottes ewiges Wort den Weg in die Vergänglichkeit suchte – so flüchtig oder so trügerisch wie das Spiel mit Illusionen?

Hoffentlich nicht als Selbsttäuschung. Doch das Nachdenken darüber lässt uns innehalten und vielleicht Abgründe überwinden. Dann können erneut die letzten Zeilen dieses Liedes  ganz einfach gelten: „… Gott will mit uns die Erde verwandeln, / wir können neu ins Leben gehen.“