Wenn die Liebe reif wird

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. 

Hohes Lied 8, 6 und 7a

Die Glocken vom Turm läuten den Gottesdienst ein – vor dem Kirchenportal steht die Braut an der Seite ihres Vaters – in der Kirche der Bräutigam – er schaut aufgeregt zur Tür, die Orgel erklingt, alle stehen auf; die Braut schreitet am Arm des Vaters durch den Mittelgang – leuchtende Augen allenthalben – und dann stehen die beiden vor dem Altar. Lange wurde dieser Tag geplant, nichts soll schief gehen, schließlich soll es doch der größte und schönste Tag des Lebens werden: Sie trauen sich, ihre Liebe zu besiegeln – und das ganz bewusst auch in der Kirche – vor Gott und seiner Gemeinde und zwar für ein ganzes Leben: „bis der Tod sie scheidet“. 

Sie strahlen vor Glück an diesem Tag. Der Trauspruch bringt ihr Denken und Fühlen zum Ausdruck – „ohne Ende ist die Liebe und sie ist stark wie der Tod“ – nichts und niemand kann diese Liebe stören und kaputt machen. Die Liebe verbindet dieses Paar und die Macht der Liebe ist stark wie der Tod, nichts und niemand kann sie auslöschen. 

Der Predigttext steht im Lied der Lieder, dem Hohen Lied im Alten Testament. In diesem Buch geht es um Sehnsucht und Verlangen, um Körperlichkeit und Schönheit und die Leidenschaft der Liebe. Es sind faszinierende Bilder und Worte, die von Kraft und Energie der Liebe zweier Menschen reden. Durch das ganze Buch spürt man etwas vom Wunder und der himmlische Qualität der Liebe – dabei wird kein einziges Mal von Gott geredet. Es bleibt die Liebe zweier Leute, die sich suchen und finden, sie leiden unter der räumlichen Trennung und merken, dass Liebe auch Schmerzen bereiten kann. Die Liebe ist eben eine gewaltige Flamme oder wie es in anderen Übersetzungen heißt: Eine Flamme Gottes – sie ist nicht auszulöschen und bleibt für alle Zeiten. 

Wie viele Paare haben sich voller Liebe ewige Liebe geschworen und irgendwann war es vorbei. Was passiert da? Wieso verlieren manche Leute diese Liebe, die doch stark ist wie der Tod? Ist es vielleicht doch die Idealisierung menschlicher Liebe? – Oder hat man einfach im alltäglichen Einerlei vergessen, die Liebe zu pflegen, und sich nach einer Quelle für diese Liebe umzuschauen. „Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz“. – ein Merkzeichen für das Leben: Eben diese Erinnerung, da ist ein Mensch, der mir anvertraut ist und dem man sich versprochen hat. „Liebe ist stark“ – aber die Liebe braucht eine Ladestation, eine Quelle.

Gerhard Tersteegens Lied: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart“. zeigt den Weg für Christenmenschen, sich selbst als Geliebte Gottes zu verstehen und damit die Liebe an andere weiter geben zu können. Dann kann das Leben gelebt werden in seiner ganzen Fülle der erlebten und geliebten Liebe mitten im Alltag, auch dann doch wenn die Schmetterlinge verflogen sind und die rosarote Brille nicht mehr gebraucht wird. Die Liebe wird reif zum Leben. Dem jungen Paar ist es zu wünschen, dass seine Liebe wächst und reift durch die Jahre und Jahrzehnte und die beiden ihre Ringe als Siegel tragen: wir sind zu zweit eins und miteinander unterwegs.

Dekan Hermann Rummel, Wassertrüdingen

Gebet: Du, Gott der Liebe, wir danken für das gemeinsame Leben. Segne unseren Weg, und gib uns deinen Geist und begleite uns mit deiner Liebe und deinem Frieden. Lass uns aus deiner Liebe leben und entdecken, wie reich du unser gemeinsames Leben segnest. Lass uns in deiner Liebe geborgen sein im Leben und im Sterben.

Lied 401: Liebe, die du mich zum …