Von der Raumpflegerin zur Leitungskraft

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Ausländische Pflegekraft auf einer Demenzstation. Foto: epd/F
Ausländische Pflegekraft auf einer Demenzstation. Foto: epd/F

Kaum Interesse an der Pflege: Wie die Rummelsberger dem Personalmangel begegnen

Der Markt ist wie leergefegt: Pflegekräfte fehlen allerorten – gleich ob in der Kurzzeitpflege, in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Pflegedienste nehmen kaum noch neue Patienten auf. 

Dabei sind die Pflegekräfte nicht weniger, sondern sogar mehr geworden. Die Statistiker haben einen Zuwachs der Pflegekräfte im Gesundheitswesen auch im ersten Corona-Jahr 2020 gezählt. Doch nur geringfügig um 1,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In den Krankenhäusern immerhin um 2,6 Prozent. In den ambulanten Pflegediensten jedoch nur um 1,2 Prozent. Dies teilte das Bayerische Landesamt für Statistik in Fürth mit. Das sei jedoch ein geringeres Wachstum als in den Jahren 2015 bis 2019. Damals ließ sich pro Jahr ein Plus von durchschnittlich 2,2 Prozent verzeichnen. In Bayern waren damit 2020 rund 939.300 Personen im Gesundheitswesen tätig – zehn Prozent mehr als 2015. 

Soweit die nüchternen Zahlen, Der Zuwachs ist aber zu wenig, da die Gesellschaft immer älter und pflegebedürftiger wird. Zwar berichten etwa die Rummelsberger: Eine ehemalige Raumpflegerin habe sich etwa in ihren Einrichtungen so fortgebildet, dass sie nun einen großen ambulanten Pflegedienst leitet. Bemerkenswert – doch ein Einzelfall.

Das Problem ist keinesfalls den aktuellen Krisen geschuldet. Es war schon bekannt, als noch niemand Covid oder die Stadt Charkiw in der Ukraine buchstabieren konnte. Schon 1992 zeigte die Robert-Bosch-Stiftung dies unter dem Titel „Pflege braucht Eliten“ auf. Eine Aufwertung des Berufsstandes sei nötig: Es bräuchte studierte und eigenverantwortlich handelnde Pflegekräfte, die gut bezahlt und gesellschaftlich anerkannt sind. Damit ließen sich Motivation für genug Pflegekräfte finden. Ansonsten sagten sie aufgrund der demografischen Entwicklung ab Anfang der 2020-er Jahre einen spürbaren Mangel voraus, der sich ab der Mitte des Jahrzehnts noch verstärken würde, da dann die Baby-Boomer im Pflegebereich in den Ruhestand gehen. 

Stattdessen scheinen die Voraussetzungen zum Einstieg Pflegeberuf immer mehr abzusinken. Jede ist willkommen. Und: Laut den Statistiken betrug der Frauenanteil anno 2020 exakt 75,8 Prozent. 85,3 Prozent Frauen arbeiten in der ambulanten Pflege. Sie geben sich gerne mit weniger zufrieden.

Kräfte aus dem Ausland

Gerne nehmen Pflegeeinrichtungen auch Personal aus dem Ausland. Sie sind zudem oft billiger. Größere Einrichtungen wie etwa die Rummelsberger Diakonie sind quasi global unterwegs. So haben sie „über zehn Jahre Erfahrung in der Mitarbeiterfindung und der Bindung von ausländischen Fachkräften“, erklärt Vorstand Karl Schulz dem Evangelischen Pressedienst (epd). 

Gleichzeitig beteuert er: „Wir schauen genau hin, wo wir unsere Fühler ausstrecken. Zurzeit sind wir stark im Kosovo engagiert. Dort herrscht eine hohe Arbeitslosenquote von fast 50 Prozent. Auch studierte junge Menschen sind ohne berufliche Perspektive“. Krankenpflege wird in der Regel dort studiert. 

Zunächst kamen etwa Pflegekräfte aus Spanien. Doch zeigte sich, dass diese bald weiterzogen. Warum nicht zu besseren Bedingungen etwa in Skandinavien tätig sein? Neben dem Kosovo schauen sich die Rummelsberger jetzt auch auf den Philippinen um. Karl Schulz beteuert, dass die Rummelsberger aber auch dort keineswegs benötigte Fachkräfte abziehen würden.

Peter Kraus ist bei den Rummelsberger Diensten für Menschen im Alter als Fachlicher Leiter tätig. Zusammen mit seiner Kollegin Heidrun Martini, zuständig für Personalentwicklung, muss er den Mangel an Arbeitskräften in Pflegeeinrichtungen verwalten. Auch sie berichten ergänzend zu dem epd-Gespräch auch dem Evangelischen Sonntagsblatt direkt von dem „Bürokratie-Wahnsinn“, um ausländische Fachkräfte nach Deutschland zu holen. Ferner gelte es, ihnen bereits vor der Ankunft in Deutschland einen Sprachkurs zu ermöglichen. 

Muttersprachliche Fachleute im Auftrag der Rummelsberger unterstützen sie. „Helfen würde uns, wenn wir hier eine zentrale Anlaufstelle hätten“, bei der sich der bürokratische Aufwand erledigen ließe, bekräftigt auch Karl Schulz. 

Und nachdem die zukünftigen Pflegekräfte in Deutschland angekommen sind, könnten die Rummelsberger sie bei der Wohnungssuche unterstützen. Schließlich ist sie einer der großen diakonischen Träger: mit mehr als 230 Einrichtungen etwa für Kinder, Menschen mit Behinderung und Senioren. Sie beschäftigt gut 6.200 Mitarbeitende. 

Wandel angemahnt

Gerade bei diesen Dimensionen sieht Karl Schulz den enormen „Veränderungsdruck“, allein schon durch die demografische Entwicklung. So reicht der Zuwachs nicht aus. Der Bedarf an Pflegekräften in Deutschland steigt allein bis ins Jahr 2035 deutlich an. So eine weitere nüchterne Analyse der Statistiker: „Zusätzlich haben wir die Herausforderung eines Krieges, steigende Energiepreise, Covid, eine Regelungswut, die uns täglich über Gebühr beschäftigt.“

„Das Problem ist, dass nichts passiert. Ich würde sagen, es ist schon fünf nach zwölf, aber jeder zieht sich in sein Schneckenhaus zurück und zeigt auf den anderen“, beklagt Karl Schulz. Er sieht schon das nächste Problem: 2025 soll in der Kinderbetreuung „überall Ganztagsbetreuung möglich sein, darauf besteht ein Rechtsanspruch. Wie soll das gehen? Mit wem?“

Daneben betonen Peter Kraus und Heidrun Martini auch das große Fortbildungspotential der Rummelberger Dienste. Durch die Diakonische Akademie gäbe es da viele Möglichkeiten, auch digitaler Art. 

Mitarbeiterfeste, Ausflüge, Gutscheine, ein vergünstigtes VGN-Ticket oder attraktive Leasingmöglichkeiten für Fahrräder seien im Angebot. In zwei Einrichtungen gibt es „Springerprojekte“, bei denen eine Pflegfachkraft bei spontanen Ausfällen einspringen könne. Sabbaticals, Supervision und Coaching täten ein Übriges. Den geltenden AVR-Tarif für Pflegekräfte beschreiben sie als überdurchschnittlich. Gerade in den unteren Tarifgruppen hätte es eine Erhöhung um zehn Prozent gegeben. Andererseits können sie nicht übertariflich bezahlen – selbst, wenn sie wollten.

Doch auch ihnen ist bewusst: Das reicht nicht. Kürzlich erst haben die Rummelsberger bei einer Stellenausschreibung „einer Leitungsfunktion in der Tagespflege“ eigentlich überaus attraktiv und ohne Schichtdienste, nur eine einzige Bewerbung erreicht. Sie kennen selbst nur zwei Fälle, in denen sich Geflüchtete aus der Ukraine um eine Karriere bei den Rummelsbergern bemüht hätten. So würden sich Kraus und Martini ein „Soziales Pflichtjahr“ wünschen – schon, um so Nachwuchskräfte zu motivieren.

=> Mehr zu der Rummelsberger Diakonie unter www.rummelsberger-diakonie.de