Geistreiche und eigenwillige Übertragung

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Darstellung vieler Worterfindungen Luthers in Wittenberg. Foto: Thiede
Darstellung vieler Worterfindungen Luthers in Wittenberg. Foto: Thiede

Luthers Septembertestament von 1522: Sprachliche Wirkung und weitere Entwicklung

Martin Luther ist schuld. Auch an der manchmal verzwickten Großschreibung im Deutschen. Er führte es nämlich in seiner Bibelübersetzung ein, Hauptwörter groß zu schreiben – auch wenn sie sich nicht mehr am Satzanfang befanden. Allerdings verstand er darunter ‚wichtige Wörter‘ – es konnten auch Adjektive und Verben sein, die er besonders betonen wollte.

Luther übersetzte das Neue Testament extrem schnell auf der Wartburg: Am 18. Dezember 1521 begann er. Und bei seiner Rückkehr nach Wittenberg Anfang März 1522 trug er bereits einen Entwurf der Übersetzung mit sich. Auf der Wartburg hatte er die Vulgata – die lateinische Bibelübersetzung – zur Hand, die noch auf den Kirchenlehrer Hieronymos Ende des 4. Jahrhunderts zurückgeht. Die Humanisten seiner Zeit hatten sich aber inzwischen wieder intensiv um den griechischen Urtext des Neuen Testamentes bemüht. Erasmus von Rotterdam hatte kurz zuvor eine zweisprachige Ausgabe herausgegeben – in der er den griechischen Text mit Anmerkungen und eine neue lateinische Übersetzung nebeneinanderstellte. Dessen 2. Auflage von 1519 besaß Luther auf der Wartburg. 

Im Zweifel arbeitete der Reformator mit der lateinischen Vulgata. Im Nachhinein zeigt sich, dass er teils Textstellen aus dem lateinischen Text übertrug, die sich so im Griechischen nicht finden lassen – obwohl Erasmus das meist schon nachvollziehbar angemerkt hatte. Er
verstand viel besser Latein als Griechisch. Warum Luther sich im Einzelfall für oder gegen den Urtext entschied – das bleibt wohl trotz aller Forschungen sein Geheimnis. 

Der Reformator war jedoch nicht der erste, der die Bibel ins Deutsche übersetzte. Allein seit 1466 soll dies bereits 18-Mal unternommen worden sein – doch ohne Luthers  Autorität und Wortgewalt.

Dabei prägte Luther bildhafte Ausdrücke und Wortzusammenstellungen, die seitdem die Alltagssprache verwandelten: Begriffe wie Nächstenliebe, Herzenslust, Lästermaul oder Gewissensbisse – auch „geistreich“ und „eigenwillig“ stammen von ihm (Bild oben). Wortbilder „wie Sand am Meer“ ließen ihm „den Mund übergehen“.

Sprachkraft Luthers

Obwohl Luther bekanntlich dem Volk „auf das Maul sehen“ wollte, waren Formulierungen wie „es begab sich aber zu der Zeit“ schon damals sakral geprägt. Er bemühte sich um rhythmische Gliederung des Textes. Stab- und Binnenreim (gleicher Wortanfang und Reim innerhalb einer Zeile wie „Also lasset ewer Liecht leuchten fur den Leuten …“ Mt 5, 16) finden sich immer wieder. Im Laufe der Jahre entdeckte er immer mehr sprachmalerische Formulierungen – dafür entfernte sich der deutsche Text vom Original.

Zunächst war der Bibeltext zum Vorlesen gedacht – schließlich konnte die übergroße Mehrheit der Bevölkerung nicht lesen. Zwar setzten sich die Reformatoren schon schnell für eine grundlegende Bildung der Menschen ein, aber das musste erst einmal verwirklicht werden. 

Sein Manuskript ging Luther nach der Rückkehr nach Wittenberg mit Melanchthon durch, der besonders gut die altgriechische Sprache beherrschte. Auch Georg Spalatin, ebenfalls mit bedeutenden Kenntnissen des Griechischen, half mit. 

Um Nachdrucke schon im Vorfeld zu verhindern, geschah der Druck möglichst geheim. Luthers Name erschien nicht auf dem Titel. Dieses Werk kostete teils den Monatsverdienst einfacher Menschen.

Dafür war es schon beeindruckend geschmückt: Ausgerechnet das letzte Buch, die Apokalypse – mit der Luther Schwierigkeiten hatte – schmückten elf ganzseitige Holzschnitte aus der Cranach-Werkstatt. Schließlich war Lucas Cranach d. Ä. am Druck beteiligt. Diese zeigten etwa einen Drachen als Personifikation des Bösen mit einer Papstkrone.

Unter Zeitdruck liefen die Druckerpresse – zeitweilig drei Apparate gleichzeitig, eine damals fast unvorstellbare Arbeitsteilung. Der Termindruck führte dazu, dass man bestehende Sätze auflöste, um die Lettern für neue Textseiten verwenden zu können. Das brachte schon damals mehrere Textvarianten. 

Im September 1522, zur Leipziger Buchmesse, lag das Neue Testament in der damals hohen Auflage von 3.000 Exemplaren vor. Doch es war innerhalb von drei Monaten vergriffen. Bereits im Dezember 1522 kam die zweite Auflage mit verbessertem Text und korrigierten Bildern auf den Markt (Dezem-
bertestament). Da war etwa die Papst-Tiara des apokalyptischen Ungeheuers weggelassen worden. Es blieb ein weißer Fleck. Die Reformatoren hofften da noch, mit der alten Kirche ins Gespräch zu kommen.

Doch sobald die gedruckte Bibel erhältlich war, begannen praktisch sofort unautorisierte Raubdrucke – meist sehr schnell und schluderig produziert. In den folgenden Ausgaben brachten Luther und seine Umgebung noch weitere Änderungen an. Doch: Was galt denn nun? 1534 folgte die erste komplette Bibelübersetzung mit dem Alten Testament auf Deutsch. Daran beteiligte sich ein ganzes Wittenberger Team.

Obwohl es – sogar in Anlehnung an Luther wie bei Hieronymus Emser 1527 – schon früh katholische Übersetzungen ins Deutsche gegeben hatte, beschloss das katholische Konzil von Trient (ab 1545): Die Vulgata gilt verbindlich – trotz Erasmus. Bibelausgaben und -erklärungen waren zu zensieren. Es fällte keine Aussage zu Übersetzungen.

Bald besaß praktisch jeder protestantische Haushalt seine Lutherbibel. Doch: Ihre Sprache veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte nicht, während sich das Deutsche selbst natürlich sehr wandelte. Aber Druckfehler wurden immer häufiger – und dann weiter überliefert. 

Ausgerechnet Hallenser Pietisten fiel beim intensiven Bibelstudium um 1700 auf, dass die Lutherbibel teils vom griechischen Urtext abwich. Daran konnte aber unmöglich Luther Schuld sein! Sie fanden viele inzwischen multiplizierte Druckfehler. Doch blieben Fragen offen, da die Kritik des Erasmus an der Genauigkeit der Vulgata-Übersetzung keinen Widerhall fand.  

Ein Jahrhundert später waren in den verschiedenen Landeskirchen mehr als ein Dutzend unterschiedlicher Fassungen der Lutherbibel im Umlauf. Viele Theologen schlugen vor, eine erste revidierte und verbindliche Textfassung der Lutherbibel zu schaffen. Nach einigen Vorläufern erschien diese nach der deutschen Einheit 1883 zum 400. Geburtstag Luthers. Doch sie war sehr vorsichtig mit dem Reformator umgegangen. Und sie lag sprachlich dem 16. Jahrhundert näher als ihrer Zeit. Nur wenige Textstellen waren den kritischen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments angeglichen. Weitere Neufassungen waren bald schon nötig – bis hin zur Fassung für 2017.