Garten des Vergessens?

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Kurt Heilbronn mit einer der Kuratorinnen Dilsad Aladag.
Kurt Heilbronn mit einer der Kuratorinnen Dilsad Aladag. Foto: Borée

Lebenslinien: Erinnerung an den geflüchteten Fürther Heilbronn und sein Lebenswerk

„Die Arbeit stand bei meinem Vater immer im Vordergrund.“ So erinnert sich der Sohn Kurt Heilbronn. Dabei ist das Lebenswerk des väterlichen Botanikers und Naturwissenschaftlers Alfred Heilbronn (1885–1961) im türkischen Istanbul akut bedroht.

Die aktuelle Ausstellung im Fürther Jüdichen Museum Franken in deutscher und türkischer Sprache erinnert an ein Stück vergessener Geschichte, als jüdische Akademiker und Intellektuelle im Nationalsozialismus Zuflucht in der Türkei fanden.

In Istanbul gestaltete Alfred Heilbronn seit 1935 den Botanischen Garten mitten in der Altstadt am Goldenen Horn. Dort war 1926 eine Mädchenschule abgebrannt, die Fläche seitdem ungenutzt, bevor er dort sein Lebenswerk schaffen konnte. Gut 5.000 Pflanzenarten aus verschiedenen Klimazonen hatte er dort angesiedelt. Nun soll der Garten als ursprüngliches Eigentum des Präsidiums für Religionsangelegenheiten bereits seit 2018 abgerissen werden. Die Pflanzen verwildern und vertrocknen, während um die zukünftige Nutzung gerungen wird. 

Garten als Zufluchtsort

Die beiden jungen Kuratorinnen Dils,ad Aladag und Eda Aslan, beide unter 30 Jahre, lernten während ihrer Istanbuler Studienzeit den Heilbronn-Garten kennen. „Schockartig“ erschien für sie dessen Schließung. Sie begaben sich auf Spurensuche nach den „Geschichten hinter der Geschichte“. Zunächst schrieben sie dazu Aufsätze. Schließlich setzten sie diese Erinnerungsarbeit mit einer multimedialen Schau um. So engagieren sie sich jetzt auch in Fürth mit dem Erinnerungsprojekt „Garten des (nicht) Vergessens“. 

Sie weckten so auch das Leben Alfred Heilbronns, das nur noch in seiner unmittelbaren Familie präsent war, aus dem Vergessen. Der gebürtige Fürther, der später zum Christentum konvertierte, studierte in München Naturwissenschaften und promovierte dort. Bereits 1914 hatte ihn die Universität Münster zum Professor für Botanik berufen. 1933 wurde er zunächst beurlaubt, bevor er durch die Nazis die Lehr-
erlaubnis verlor. 

„Vereisung“ lösen

Seine Rettung war der Ruf an die Universität in Istanbul. Dort lehrte er ab 1935, gründete das Institut für Botanik und legte „seinen“ Garten an. Dieser wurde auch ein Treffpunkt für Geflüchtete aus Deutschland, die in der damaligen Zeit des Dritten Reiches eine Zuflucht in der Türkei gefunden hatten.

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Heilbronn 1948 Fatma Mehpare Bas,arman (1910–1993). Zusammen hatten sie einen Sohn, Kurt (*1952), der nun als „letzter Nachkomme“ fast 70-jährig an der Ausstellungseröffnung teilnahm. 

Er habe jedoch wenig Erinnerungen an seinen Vater, der 1961 starb. Schon in seiner frühesten Kindheit sei die Familie selbstverständlich davon ausgegangen, dass auch er als Naturwissenschaftler in die väterlichen Fußstapfen treten würde. Doch Kurt wurde Psychologe, um die familiäre „Vereisung“ zu lösen.

Derweil ließ Vater Alfred Heilbronn „für Pflanzen aus kälteren Klimazonen“ im Istanbuler Botanischen Garten gar ein „spezielles Arktis-Glashaus“ bauen. Er war offenbar auch viel unterwegs und erforschte zum Beispiel in der Türkei die Heilpflanzen der Bergstöcke an der Ostküste des Marmarameers. 1955 kehrte Alfred Heilbronn mit 70 Jahren nach Münster zurück. 

Nach dem Militärputsch im Jahr 1960 in der Türkei wurde Heilbronns Frau, die Botanikprofessorin Mehpare Heilbronn, entlassen. Sie folgte mit Sohn Kurt ihrem Mann in die Bundesrepublik. 

Dabei brachte sie einen Gutteil seiner umfangreichen Sammlung aus getrockneten und klassifizierten Pflanzen nach Deutschland zurück. Der Botaniker starb dort bereits 1961. „Heilbronn steht exemplarisch für das Schicksal vieler jüdischer Akademiker, Intellektueller und Künstler, die nach ihrem Exil in Vergessenheit geraten sind“, erklärt Daniela F. Eisenstein, die Leiterin des Jüdischen Museums Franken. 

Installation statt Objekte

Da Alfred Heilbronn ursprünglich aus Fürth stammt, hat das Jüdische Museum Franken diese Ausstellung mit dem Titel „Garten des (nicht) Vergessens“ zusammengestellt, die teils bereits an anderen Orten in Deutschland wie in Frankfurt zu sehen war. „Diese setze sowohl den Heimatverlust, den Heilbronn als Professor erlebte, als auch den aktuellen Verlust seines Werks in der Türkei künstlerisch mit Klang-, Video- und Kunstinstallationen um“, so die Veranstalter. 

Denn reale historische Gegenstände zum Betrachten gibt es wenig. Virtuell können Interessierte dort etwa Istanbuler Stationen im Wandel der Zeiten nach-
spüren. Manche der Stationen lassen sich allerdings erst nach einer intensiven Einführung in vollem Umfang erfassen. 

Daneben finden sich in Fürth auch Möglichkeiten zur Spurensuche der familiären Wurzeln mit sieben Stationen. „Interventionen“ erinnern an die Familiengeschichte der Heilbronns. Auch Kurt Heilbronn gewann wieder Bezüge zu seinen fränkischen Wurzeln, nachdem die Familie aus der Türkei zurückgekehrt war. Das Grab seines Großvaters ist ein solcher Erinnerungspunkt für ihn. Ebenfalls die ehemalige Haushälterin der Familie, die ihn noch als Jungen betreute, wenn Not am Mann war.

Der Museumsgarten des Jüdischen Museums Franken und das Fürther Stadtgebiet entstehen als erweiterter Ausstellungsraum neu: Auf wenigen Quadratmetern im
Innenhof des Museums sprießen verpflanzte Samen aus dem Istanbuler Garten. Im Zentrum steht die Frage: Ist es möglich, einen Ort und eine Heimat „umzupflanzen“ und ihn so in Erinnerung lebendig zu halten?

Ausstellung bis Ende Februar 2023 im Fürther Jüdischen Museum Franken an der Königstraße. Mehr Infos unter https://www.juedisches-museum.org/der-garten-des-nicht-vergessens/ oder Telefon 0911/950-98820. Geöffnet Do bis So von 10 bis 17 Uhr, umfangreiches Begleitprogramm.