„Für eine bessere Welt“

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Johanna Haberer wurde an der Friedrich-Alexander-Universität-Erlangen-Nürnberg (FAU) in den Ruhestand verabschiedet. 21 Jahre war sie als Professorin am Institut für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der FAU tätig. Für das Rothenburger Sonntagsblatt gratulierten Raimund Kirch (unten links), Mitglied des Herausgeberbeirates und Kolumnist des Sonntagsblatts und Chefredakteur Martin Bek-Baier.
Johanna Haberer wurde an der Friedrich-Alexander-Universität-Erlangen-Nürnberg (FAU) in den Ruhestand verabschiedet. Für das Rothenburger Sonntagsblatt gratulierten Raimund Kirch (unten links), Mitglied des Herausgeberbeirates und Kolumnist des Sonntagsblatts und Chefredakteur Martin Bek-Baier.

Johanna Haberer fragte in ihrer Abschiedsvorlesung nach der Rolle des Journalismus heute 

Kirche braucht wie jedes Unternehmen Skeptiker und „Nestbeschmutzer“, sagte Professorin Johanna Haberer bei ihrer Abschiedsvorlesung in der Aula der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) im Erlanger Schloss. Diese Rolle können und müssen kirchliche Journalisten und christliche Publizisten übernehmen, „die den Finger in die Wunde legen wie einst der ungläubige Thomas, damit die Kirche wieder sein kann, wofür sie vor 2.000 Jahren einmal angetreten ist: ein Raum für vorbildliches Zusammenleben von Menschen. Eine Welt, in der man
es besser machen will.“ Daher sollte kirchlicher Journalismus natürlich auch für die Schwachen und Stimmlosen der Gesellschaft da sein. Haberer hatte den Lehrstuhl für christliche Publizistik ins Leben gerufen.

Haberer hielt ihre Abschiedsvorlesung zum Thema „Auf der richtigen Seite? – Über Loyalitäten im journalistischen Beruf“. Die Pfarrerin war als Professorin seit 2001 an der FAU am Institut für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät tätig. Sie verantwortet die Masterstudiengänge „Medien-Ethik-Religion“ und „Christliche Medienkommunikation“. Außerdem war sie von 2008 bis 2012 Vizepräsidentin der FAU. Von 1997 bis 2001 arbeitete die Theologin als Rundfunkbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Haberer war einst Chefredakteurin für das „Sonntagsblatt – Evangelische Wochenzeitung für Bayern“ (München), war Leiterin der Fernseh- und Radioredaktion im Evangelischen Presseverband für Bayern (EPV) und ist nun seit einigen Jahren Herausgeberin des Evangelischen Sonntagsblatts aus Bayern (Rothenburg). 

Publizistik in digitaler Zeit 

Vor der eigentlichen Abschiedsvorlesung wurde sie von verschiedenen Festrednern gewürdigt. Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm würdigte Haberer – aus Termingründen per aufgezeichneter Einspielung – als eine Vorreiterin der digitalen Kommunikation. Die digitalen Medien hätten die Theologin beschäftigt, lange bevor andere sie praktiziert oder darüber reflektiert haben.

Haberer habe sich schon sehr früh mit den ethischen Dimensionen der Digitalisierung beschäftigt. Vieles von dem, was sie damals beschrieben habe, sei jetzt in die allgemeine öffentliche Debatte eingewandert. Haberer habe die zehn Gebote für die digitale Welt entworfen, die bis heute gelten. Darüber hinaus habe sie viele Studierende geprägt und wissenschaftlichen Nachwuchs gefördert und in der Kirche „reiche Segensspuren hinterlassen“, lobte der Landesbischof.

In ihrer Abschiedsvorlesung in Erlangen fragte die Professorin: „Wo ist der Platz des Journalisten in der Gesellschaft?“ In der neuen Medienwelt hat sich der Beruf verändert. Journalisten müssten als Wegweiser durch den Dschungel der Informationen fungieren. Sie stellte infrage, dass das bisherige Selbstbild des Journalismus ausreiche, ausgewogen, objektiv, mit Abstand und neutral zu berichten.

Subjektiver Journalismus?

Es sei „einerseits klar, dass journalistische Arbeit immer auf Einschätzungen beruht und Fakten niemals nur Fakten sind, sondern sich immer zugleich in Bedeutung verwandeln“, sagte die Professorin. In einer medialen Welt, in der jeder Journalist überprüfbar und sein Tun transparenter sei denn je bevor, sei seine eigene Deutung der Welt legitim. Ein subjektiver Haltungs- und Gesinnungs-Journalismus habe sich in der modernen Medienwelt entwickelt. Sie zitierte die jüdisch-deutsche Publizistin Hannah Ahrendt: „Wer es unternimmt zu sagen, was ist, kann nicht umhin eine Geschichte zu erzählen, und in dieser Geschichte verlieren Fakten bereits ihre ursprüngliche Beliebigkeit und erlangen eine Bedeutung, die menschlich sinnvoll ist“.

Digitalisierung dürfe auf keinen Fall als Einsparprogramm für Medienunternehmen verstanden werden, warnte Haberer. Es brauche Redaktionen, in denen die Kompetenzen gebündelt und die Teamfähigkeit gestärkt werden. „Denn die journalistische Arbeit ist noch vielfältiger geworden, noch differenzierter. Journalistinnen benötigen mehr Zeit, um etwa mit Nutzern zu kommunizieren, damit die Geschichten unserer Welt angemessen erzählt und weitererzählt werden können.“

„Sagen, was ist“

Warum es so wichtig sei, dass kirchlicher Journalismus kritisch sei und wie eingangs im Zitat erwähnt als „Nestbeschmutzer“ fungieren muss, machte sie an der Krise der Kirchen in den Missbrauchsskandalen deutlich. Hätte die eigene Presse die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ans Tageslicht gebracht, stünde diese Kirche heute in einem anderen Licht da. Ähnliches gelte für die evangelische Kirche.

Jeder Deutung – sei sie aus einem christlichen Horizont oder aus einem liberalen oder sozialdemokratischen Hintergrund müssen – jedoch Fakten zugrunde liegen, möglichst multiperspektivisch und möglichst vollständig“, forderte Haberer. Aber „dann kann man ,sagen‘, was ist – dann ist man im Journalismus auf der richtigen Seite.“