Gewollte Veränderungen

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Zur Ruhe kommen und neue Wege suchen: Arianna Moroder auf einem Balkon der Tagungsstätte Wildbad Rothenburg. Foto: Bek-Baier
Zur Ruhe kommen und neue Wege suchen: Arianna Moroder auf einem Balkon der Tagungsstätte Wildbad Rothenburg. Foto: Bek-Baier

Die Südtiroler Künstlerin Anna Moroder hat ihre Arbeit im Wildbad Rothenburg aufgenommen

Arianna Moroders künstlerischer Schwerpunkt liegt im Wandel der Dinge und der damit verbundenen Veränderung des Materials. Als künstlerischer Gast der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad Rothenburg will sie die Veränderung ganzheitlich angehen und sogar ihr eigenes Schaffen verändern.

Die Art, wie Dinge hergestellt werden, hat mich immer schon interessiert und das recherchiere ich immer weiter“, sagt die Südtiroler Künstlerin Arianna Moroder bei einem Pressetermin in der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad Rothenburg
zu Beginn ihres Arbeitsaufenthaltes dort. Sie betätigt sich sowohl handwerklich als auch künstlerisch vor allem mit Textilien und möchte ihre Fähigkeiten und ihr Arbeiten immer weiter entwickeln. Die Veränderung von Stoffen ist für die diesjährige Künstlerin des Projektes „art residency wildbad“ – was man frei mit „für die Kunst im Wildbad wohnen“ übersetzen könnte – ein zentrales Thema. Moroder ist die sechste Künstlerin, die das Stipendium von einer Fachjury zugesprochen bekam, um während ihres Aufenthaltes ein Kunstwerk für den Park des Wildbades zu schaffen.

Moroder hat mit Stoffen schon so einiges angestellt. Von der edlen Wandverkleidung über Zeichnungen und Skizzen bis hin zu einem mehrere Quadratmeter großem Kunstwerk aus alten Pullovern auf einem Tiroler Berggipfel.  

Regional und Nachhaltig

Für eine große Südtiroler Kellerei hat sie zusammen mit Architekten den großen Tagungsraum in einen „weichen Raum“ umgestaltet. Zusammenarbeit mit anderen Gewerken und Arbeitsformen liegt ihr – sie sieht sich als Netzwerkerin. Sie ließ von einer industriellen Weberei eigens einen Stoff herstellen, der von Struktur und Farbe an Weine erinnert. Die Wolle stammte von Schafen aus regionalen Herden. Eine Verbindung von Material und Ort ist der Künstlerin wichtig. Auch für Rothenburg ist einerseits eine Kooperation mit hiesigen Partnern und andererseits die Verwendung regionaler Materialien angedacht.

Ein weiteres Thema ihrer Arbeit ist die Nachhaltigkeit. So startete sie einen Aufruf, alte Pullover bei ihr abzugeben. Ein Materialfundus entstand, den sie bis heute nutzt. „Jeder einzelne Pullover birgt ein Stück Leben, eng verbunden mit der Geschichte und Gefühlswelt des Trägers“, so Moroder. 2019 entstand bei der Open-Air-Bienniale  in den Dolomiten  Kunst in schwindelerregender Höhe. „Es war ein Abenteuer dieses Kunstwerk auf dem sehr hohen Gipfel aufzubauen“, berichtet Moroder. „Es war dort oben sehr windig, sehr kalt und ich war dort eine Woche lang beschäftigt.“ 

Bunte Pullover bildeten eine weiche Membrane über den Gipfel. Klar, dass mit den Wochen das Material sich verändert. Am Ende der Freiluftausstellung hatten sich die Farben ins Pastellige gewandelt. Das Material war eine Symbiose mit der Natur eingegangen und war von Gräsern durchwachsen. Eine Veränderung am Kunstwerk, die von der Künstlerin gewollt ist.

Ihre Arbeit ist von der Idee geprägt, nur dann Neues zu erschaffen, wenn hochwertige Materialien eine lange Lebensdauer des Produkts ermöglichen. Sie ist fest davon überzeugt, dass Entschleunigung in allen Bereichen Nachhaltigkeit erst möglich macht.

Dabei gesteht Moroder allen Dingen ein Eigenleben zu, das parallel zu unserem verläuft. Für die Künstlerin ist die physische Verwandlung eines Objekts durch Zeit, Witterung und andere äußere Einflüsse untrennbar mit der dadurch entstehenden Wandlung der Werte, für die das Objekt steht, verbunden. 

Suche nach Veränderung

Aber auch die Veränderung im eigenen Leben und Schaffen spielen für Moroder eine große Rolle. Arianna Moroder (*1985 in Bozen) hat Textildesign in Mailand, Amsterdam und Berlin studiert. Während des Studiums machte sie sich mit unterschiedlichsten Handwerken vertraut, wobei ihr Fokus auf der Beziehung zwischen Industrie und Handwerk lag. Nach dem Studium arbeitete das Südtiroler Multitalent als Textildesignerin. Parallel dazu setzte sie ihre Arbeit im Künstlerischen wie im Textildesign fort.

2016 eröffnete sie gemeinsam mit ihrer Schwester Tessa Moroder den Forschungsraum für Kunst, Design und Textilkultur „Lottozero/textile laboratories“ in Prato in der Toskana, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Hier versteht sie sich eher als Dienstleister für andere Künstler, um sie zu unterstützen. Sie schafft und nutzt Netzwerke mit anderen Künstlern, Berufsgruppen und Handwerkern.

Der Ansatz von gewollter Veränderung ist für Arianna Moroder auch der Anknüpfungspunkt an den Ort Wildbad. Als sie das Wildbad Rothenburg Ende März zum ersten Mal besuchte, war sie sofort fasziniert von dem Ort, seiner Vielfältigkeit, aber auch vom stetigen Wandel seiner Bedeutung und Nutzung über die Jahrhunderte. So kann Arianna Moroder mit Gewissheit über ihrer Skulptur für Rothenburg sagen: Eine essenzielle Intention der Installation wird die fortlaufende Veränderung des Objekts durch äußere Einflüsse sein.

Gleichzeitig wird sich Arianna Moroder mit ihrem Kunstobjekt im Park des Wildbads auch mit dem Wandel ihres eigenen Kunstschaffens auseinandersetzen. Bisher arbeitete sie fast ausschließlich mit textilem Material, wendet sich aber seit kurzer Zeit der Arbeit mit Stein zu. So wie der Aufenthalt in Rothenburg eine Horizonterweiterung für sie darstellt, sucht sie nun auch beim Material nach einer solchen.

Ob Stein auch das Material sein wird, dem sie sich im Wildbad widmen will, ließ sie offen. Sie verriet vorerst nur so viel, dass sie bereits Kontakte zu lokalen Personen, Handwerkern, Firmen und dem Freilandmuseum in Bad Windsheim geknüpft hat.

„Die letzten Jahre stand die Firmengründung im Vordergrund“, erläutert Moroder. „Nun möchte ich wieder als Künstlerin meinen eigenen Weg gehen. Das Wildbad ist
für mich der Ort, mich selbst zu sortieren und zur Ruhe zu kommen.“ 

Geplante Termine für das „Offene Atelier“ im Rahmen der Art Residency:  Samstag, 30. Juli und Sonntag, 31. Juli. Samstag, 13. August und Sonntag, 14. August. 

Mitwirkung beim Ferienworkshop für Kinder am Sonntag, 7. August. 

Die Vorstellung des Kunstwerkes ist am 20. Oktober geplant.