„Achsenzeit“ drehte religiöse Ideen

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„Der Prophet“ von Jakob Steinhardt im Berliner Centrum Judaicum.Foto: epd/F
„Der Prophet“ von Jakob Steinhardt im Berliner Centrum Judaicum.Foto: epd/F

Vor rund 2.500 Jahren wandte sich neues Denken gegen religiöse Herrschaftssicherung

„Der Ursprung der Religion“ – einfach mal so erklärbar? Nein, schnell bestimmt nicht. Robert N. Bellah benötigt dafür in seinem gleichnamigen Buch rund 900 Seiten. Das erste Fünftel besteht aus einer intensiven Einleitung. Wörtlich geht der amerikanische Soziologe († 2013) zum Urknall zurück.

Der Mensch ist in seinem Werk  eingebunden in die Entwicklung des gesamten Lebens. Ein Durchlauf durch die Evolution und tierische Verhaltensformen folgt: Spiel und Ritual ähneln sich dabei in ihrer Ausrichtung und ihrer entlastenden Funktion. Bellah interessiert sich da besonders für die normative Prägung der Gesellschaft. Dies geschieht nun durch eine religiöse, aber übergreifende und identitäts- stiftende Überzeugung. Sie wird durch gemeinsame Symbole und Riten gestärkt.

Gerade durch die landwirtschaftliche Revolution, in der die Menschen sesshaft wurden, änderte sich auch gesellschaftlich so einiges: Waren zuvor die Menschen in kleinen Gruppen organisiert, in der halbwegs Gleichheit herrschte und jeder nach seinen Fähigkeiten zur Versorgung der Gemeinschaft beitrug, so konnten sesshafte Menschen in größeren, strikter organisierten Gemeinschaften beherrscht werden.

„Häuptlingstümer sind bekanntermaßen vergänglich, aber auch frühe Staaten sind ziemlich zerbrechlich“, so Bellah. Und weiter: „Erst wenn ein erfolgreicher Krieger eine neue Form von Autorität und legitimer Hierarchie auszuprägen vermag, kann er den Gewaltkreislauf durchbrechen.“ Doch dies mache eine besondere Beziehung des Herrschers zu den Göttern notwendig: Er ist allein oder mit Hilfe weniger Priester der Vermittler zu kosmischen Mächten und versorgt das Volk. Dient Religion also dazu, Herrschaft zu bewahren?

Nicht für immer: „In der Achsenzeit sollte eine neue Art von Emporkömmling die Bühne betreten: der moralische Emporkömmling, der auf die Rede, nicht auf Gewalt vertraut“, führt Bellah weiter aus.

Alles neu – zur Achsenzeit

Dieser Begriff der „Achsenzeit“ ist keine Erfindung von Bellah. Er stammt von dem Philosophen Karl Jaspers aus der Nachkriegszeit, der aber seinerseits auf ältere Konzepte zurückgreifen konnte. Die Zeitspanne von etwa 800 bis 200 vor Christus war für Jaspers fundamtental für die neue Ausbildung der Religionen: Damals hätten die Gesellschaften von vier voneinander unabhängigen Kulturräumen gleichzeitig bedeutende philosophische und technische Fortschritte gemacht. Sie lehnten auf unterschiedlichen Wegen Willkür und Despotismus ab.

Im fernen China sollten nach den Anforderungen des Konfuzius, Laotses und ihrer Mitstreiter gebildete und maßvolle Beamte zu einem Gegengewicht gegen die Willkür und Korruption der Herrscher werden. In Indien floh Gautama Buddha, als Prinz geboren, vor dem weltlichen Treiben und Machtstreben. Er lehnte die starre Kastenordnung und vedische Traditionen ab. Ganz ähnlich entsagten die Begründer des Jainismus der welt-lichen Verblendungen. Brahmanen nahmen die He-rausforderung an und entwickelten den Hinduismus geistig weiter.  

Da gerade im Orient die neue Buchstabenschrift Aufzeichnungen durch das Silbensystem ablöste, war die Schriftkultur nicht mehr ein Vorrecht kleiner Eliten. Es diente nicht mehr länger nur zur Buchführung, sondern machte es möglich, komplexere Gedanken zu ordnen und zu überliefern. So entstand Identitätsbildung.

Im alten Israel ließen seit dem 8. Jahrhundert neue Wirtschaftsformen und der Druck der aufkommenden Großreiche wie der Assyrer und Babylonier gerade Bauern verarmen. Die ersten Propheten wie Amos und Hosea brachten Gottes Zorn gegen diese Ungerechtigkeit und eine verantwortungslose Ethik zum Ausdruck. Sie stehen wohl am Beginn der Aufzeichnungen.

Durch die Eroberung Israels und Judas sowie die babylonische Gefangenschaft mussten Juden neue religiöse Formen finden, die von Staatswesen und -gebieten unabhängig war. Mehr noch: Warum sollte ein Gott, der dermaßen mit seinem Volk besiegt war, noch etwas gelten – ja, gar zum einzigen Gott aufsteigen?

Nach der Niederlage dachten die Gelehrten über den Sinn des Leidens nach: Und hatte nicht der Abfall der Herrscher von Gott zur Niederlage geführt. Brauchte es noch Könige – waren sie gottgewollt? Gott gestaltete seinen Bund mit dem Volk. Er schützte Schwächere.

Abendland und Orient

In Griechenland legten die homerischen Epen um 750 vor Christus, die Naturphilosophen fast 200 Jahre später sowie schließlich Sokrates, Platon und Aristoteles die Grundlagen der heutigen abendländischen Weltanschauung. Eine unvergleichliche Vorstellung von Freiheit – zumindest für Männer, die keine Sklaven waren – bewährte sich als geistige Kraft in den Perserkriegen des 5. Jahrhunderts. Herodot formulierte den Gegensatz zwischen despotischem Morgenland und freiem Abendland mit vorbildlichen Rechten und Bildung – bis Alexander der Große Persien überwand. 

Auch wenn diese Geschichte arg vereinfacht ist, entfaltete sie wirkungsvolle Narrative, die eine neue Identität begründeten. Im zunächst siegreichen Persien hingegen lehrte Zarathustra als Religionsstifter und Priester-Prophet ein strikt dualistisches Weltbild des Kampfes zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Chaos. Es stand ebenfalls dagegen, dass Religion Macht legitimieren sollte – auch wenn seine Lebensdaten ungeklärt sind und nach neueren Ansätzen vor der Achsenzeit liegen. Es zeigt, dass auch das Narrativ, die Erzählung über die Achsenzeit nicht so ganz glatt aufgeht.

Zeitenwende als Narrativ?

Diese Zeitenwende kam weiträumig in der Spätantike zum Durchbruch: Christentum und schon bald der Islam, die auf der prophetischen Kraft des Judentums fußten, waren da führend. Aber auch die europaweite Durchsetzung des römischen Rechts war nicht zu vernachlässigen – es führte Rechts- und Freiheitsvorstellungen sowie Bildungideale der griechischen Philosophen weiter.

Insgesamt schreitet Bellah also einen weiten Horizont ab. Doch trotz seiner detailreichen Darstellung, die in unbekannteren Regionen wie China vielfach zu Aha-Effekten führen kann, bringt er weniger neue Erkenntnisse als erhofft. Vieles bleibt im Detailreichtum stecken. Die großen Entwicklungslinien deutet er mehr soziologisch als Jaspers. Ein fulminanter Überblick, doch ist vieles nicht wirklich überraschend. Aber gut, uns dies erneut ins Bewusstsein zu rufen.

Robert N. Bellah, Hans Joas (Hg):  Der Ursprung der Religion. Vom Paläolithikum bis zur Achsenzeit. Verlag Herder 2021, 904 S., ISBN: 978-3-451-39072-2, 50 Euro für das Printbuch.