Auf der Suche nach dem inneren Klang

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Günter Menne spielt seit einigen Jahren mit Hingabe und Begeisterung Inventionshorn. Foto: Matzke
Günter Menne spielt seit einigen Jahren mit Hingabe und Begeisterung Inventionshorn. Foto: Matzke

Eine Lebensspielanleitung – nicht nur für Blechbläser

Die Nacht war sternenklar, als Günter Menne sich an jenem Abend malerisch und zur Belustigung seiner draußen versammelten Geburtstagsgäste am Waldrand postierte und sein altes Jagdhorn aus Kindertagen an die Lippen setzte. Würde er nach bald einem halben Jahrhundert überhaupt einen Ton herausbringen? 

Was dann passierte, überraschte den Coach und früheren Leiter des Amtes für Presse und Kommunikation des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region selbst: „Ich traf den Ton und war in dem Moment vom Klang ergriffen. All die Albernheit und der Jux einer als solcher gedachten Darbietung verwandelte sich in diesem Augenblick in Magie.“

Musik war dem damals 57-Jährigen nicht fremd. Im Hinterzimmer eines Vertreters von Lesezirkelmappen hatte er zwischen Stapeln von Illustrierten einst das Akkordeon spielen gelernt. Und er eignete sich ein Können an, das für Festivals irischer Volksmusik gut reichte. Doch das Studium und das Leben setzten andere Prioritäten in sein Leben. Bis zu jener Feier, als ihn sein erster, nach langer Zeit wieder erklingender Ton auf dem kleinen „Fürst-Pless-Horn“ in die Seele trifft. Die Schwingung, der Widerhall, den das Instrument in ihm auslöst, verzaubert ihn im selben Moment: Das Horn antwortet auf eine tiefe Sehnsucht und verwandelt sie in Klang … Dieses beglückende Erleben oder (genauer) dessen Verheißung ist es wohl, die Menschen zu einem Instrument treibt und – im Falle von Menne – nicht mehr loslässt.

„Es war wie ein Sog“, berichtet er. Für ihn gab es von da an kein Halten mehr. Lehrer wurden gefunden und die verschiedensten Hörner ausprobiert, bis er zu einem Inventionshorn fand und dabeiblieb. „Das Naturhorn macht einen anderen Menschen aus dir“, sagte einst ein Lehrer zu seinem Schüler. Menne weiß, wovon dieser Lehrer spricht. Seit jenem „Hornruf“ vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht ein, zwei Stunden übt. Immer auf der Suche nach dem Klang. Und wenn das
Instrument dann „tönt“, kommt es ihm vor – denn das Mundstück überträgt nur die Vibration der Lippen – wie ein Körperteil. Doch, bis der magische Moment sich einstellt, gibt es viele Hürden zu überwinden. Oft braucht es mehr Zeit, als man sich selbst zugestehen möchte. Die Töne klingen nicht so, wie man sie sich denkt, oder es geht einem schlichtweg die Puste aus.

„Nachklänge“

Menne stellte fest: so manches, was er beim Üben mit seinem Naturhorn erlebt, ist ihm als Beratender in seiner Coaching-Praxis aus der Arbeit mit Kunden bestens vertraut. Und so fasste er seine Erkenntnisse in einem Buch zusammen. Darin beschreibt er mit Humor und Wissen einerseits sein eigenes Üben, Misslingen und Werden auf dem Horn – und verbindet es andererseits in sprechenden Analogien geschickt mit Fallgeschichten aus seinem Arbeitsalltag mit Klienten. Nebenbei wird man immer wieder verlockt zu Ausflügen in die Welt der Dichter und Denker.

Auf jedes Kapitel folgt ein „Nachklang“. Hier berichtet Menne über den Anfängergeist und welche Kraft es braucht für den Beginn. Es geht um Begeisterungsfähigkeit, die in uns allen steckt und sich manchmal auch versteckt und sanft herausgekitzelt werden möchte. Er lässt uns an einer Geschichte teilhaben, als er dem „gemütvollen und stattlichen Corps-Leiter Karl-Heinz Fischer“ erste Töne vorspielt und mit einem bedächtigen „Also, da lässt sich schon wat draus machen!“ nach und nach in die Materie der Ventile und Stimmzüge eingewiesen wird. Die Frage nach dem „richtigen Material“ ist für ein Weiterkommen – egal ob beim Horn, Marathonlaufen oder beim Umgang mit Stift und Papier wichtig – wenn man nicht die Freude verlieren will. Daher sein Rat: „Nehmen Sie die Dinge buchstäblich in die Hand auf Ihrer persönlichen Suche nach Ihrer Passion!“

Der Autor schreibt über sein Scheitern, als „nichts mehr ging“ und wie er aus diesem „Jammertal“ wieder herausfand.

Im letzten „Nachklang“ des Buchs geht es um nichts Geringeres als die menschliche Angst vor dem eigenen Ende. Durch die Hingabe an das Spiel, hat er erlebt, kann diese Angst sich verflüchtigen: „Jene Auflösung des eigenen Ichs ist es, die Mystiker aller Religionen als das Heilmittel, wenn auch nicht gegen den Tod, so doch gegen die Todesfurcht für sich entdeckten und – wenn wir ihren Zeugnissen Glauben schenken dürfen – auch erfahren haben: in meditativer Versenkung und Kontemplation.“

Spielen und Üben bedeutet im besten Falle, „dass es uns manchmal geschehen kann, wenn wir musizieren oder Musik hören, dass wir regelrecht aus der Zeit fallen und aufgehen im Klang einer reinen Gegenwärtigkeit. Wir überschreiten auf unerklärbare Weise jene Grenzen des Endlichen und damit auch unseres Selbst: Wir erleben Transzendenz. Und immer ist solche erfahrene Transzendenz gekennzeichnet durch das Gefühl von Zeitlosigkeit, begleitet von geschärften Wahrnehmungen, einem Gefühl des Staunens und der Ehrfurcht und auch begleitet von der Abwesenheit jeder Furcht.“ Da öffnet sich dann die Pforte zur Seelenruhe.

Das Buch „Des alten Knaben Wunderhorn: Eine musikalische Lebensspielanleitung“ ist im Schott Verlag erschienen. Es kostet als gebundene Ausgabe 24,99 Euro, als Taschenbuch 19,99 Euro und als E-Book 9,99 Euro.