Wozu die „scharf geschliffnen Waffen“ helfen

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Susanne Borée Editorial in der Frühlingshoffnung

Kommentar im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Susanne Borée

Rumpelstilzchen ist zurückgekehrt. Schon lange vor der Johannis-Woche tanzt es um allerlei nächtliche Feuer – ergeht sich in unangemessenen Forderungen, plärrt herum,  hat seine Emotionen nicht im Griff – und zerreißt sich schließlich selbst vor Wut. Dagegen haben es die Feuerzungen des Heiligen Geistes nicht so leicht: Erleuchtung – Buße – Gemeinschaft: Schön wäre es. 

Corona oder Krieg – oder wohl gleich auch in einer nächsten Krise  – überall Rechthaberei und Aggressionen. Wer schreit, hat Unrecht: Dieser Grundsatz scheint schon längst nicht mehr zu gelten. 

Gut, entsprechende Seiten im Internet lassen sich auch ausblenden. Bei direkten Kontakten ist das natürlich schwieriger. Manche Rumpelstilzchen merken offen-
bar gar nicht, wie kindisch und schlecht erzogen sie so auf ihr Gegenüber wirken. So bleibt nur die unangemessene Art und Weise ihrer Forderungen im Bewusstsein – und weckt wiederum feurige Reaktionen und Widerstände dagegen. 

Voll Neid können wir heute nur auf urchristliche Verhältnisse blicken. Und
auf die ideale Gemeinschaft, die damals in der Urgemeinde herrschte. 

Halt! Möchte ich damals wirklich gelebt haben? Wenn sich jemand nicht an die unausgesprochenen Regeln hielt, dann regierte Gottes Geist auch mal gewaltsam durch. Natürlich, es war nicht schön von Hananias und Saphira, der Gemeinde nicht alle Anteile von ihrem verkauften Acker gegeben zu haben (Apg. 5). 

Aber auf Betrug gleich die Todesstrafe? Und bei genauer Betrachtung zeigt sich sogar: Hananias behauptet noch nicht einmal, alles gegeben zu haben. Müssen sie blind dem Beispiel anderer oder den wohl üblichen Bräuchen nacheifern? Trotzdem wirft ihm Petrus vor „den heiligen Geist belogen“ zu haben (5,3). Erst Saphira spricht später die Unwahrheit aus.

Kann Kirche durch eine solche schwarze Pädagogik überhaupt noch punkten? Anstatt „Licht und Klarheit“ zu verbreiten, wie es in dem bekannten Pfingstlied heißt? Die Apostel sind wohl nicht zufällig gleich danach beinahe selbst Opfer der Gewalt. Natürlich erscheint die Bitte faszinierend: „Gib uns in dieser schlaffen / und glaubensarmen Zeit / die scharf geschliffnen Waffen / der ersten Christenheit.“  

Besonders auffällig erschien der Ungeist der Unduldsamkeit in der aktuellen Debatte um Waffenlieferungen in die Ukraine. Da gibt es keine richtige Antwort – Rechthaberei zeigt nur die Ausweglosigkeit dieser Gewissensentscheidung an: Dürfen Gläubige rechtmäßig Gewalt befürworten – um damit der Gewalt Einheit zu gebieten? Ist Nichhandeln Schwäche, die das Böse stärkt? Ein klassisches Dilemma – in jedem Fall laden Menschen Schuld auf sich, wie Dietrich Bonhoeffer sagen würde. Aber die Verteufelung anderer ist eine Sackgasse – und hilft immer dem Unrecht.

Elia erfährt, dass Gott nicht im Sturm, Erdbeben oder Feuer ist, sondern im leichten Säuseln des Windes (1. Kön. 19, 11 f.) – und das, nachdem er gerade erst ein Massaker auf dem Karmel angerichtet hatte und fast wie Rumpelstilzchen am Feuer tobte. Bibelgeschichten spiegeln öftter auch Aggressionen – die entlastend sein können, aber selbst Elia nur in die Einsamkeit und Depression führen, bis der Engel Gottes eingreift. 

Die Rumpelstilzchen der Welt mögen ihre Mütchen mit Wut kühlen, doch sie erreichen damit nur das Gegenteil von ihren Wünschen. Und sie reagieren hilflos, wenn man sie mit ihrem Geplärr auflaufen lässt und ihnen so ihre wahre Identität spiegelt. Das sind die wirklich geschliffnen Waffen. 

Gut und schön: Aber lässt sich so Putin stoppen? Bestimmt lacht er sich ins Fäustchen, wenn wir uns voller Rechthaberei selbst zerfleischen. Eine geeinte Abwehrhaltung hilft da mehr, so sagt meine Vernunft. Meine Seele reagiert da durchaus feuriger auf Unrecht.  

In diesem Sinne singe ich das Pfingstlied weiter: „Unglaub und Torheit brüsten / sich frecher jetzt als je; / darum mußt du uns rüsten / mit Waffen aus der Höh. / Du mußt uns Kraft verleihen, / Geduld und Glaubenstreu.“ Das brauchen wir wohl gerade nötiger als Feuer vom Himmel.