Wenn Gottes Geist in die Seele pustet

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt für einen neuen Geist mit viel Fantasie

Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

aus Epheser  3, 14–21

„Lisa, hast du eine Geschichte im Kopf?“ Mein Neffe stellt mir diese Frage oft. Und ich erzähle gern. Märchen, Bibelgeschichten, frei Erfundenes. Manchmal nervt mich diese Frage aber. Wenn ich gerade fünf Sachen gleichzeitig erledigen müsste. Dann habe ich keinen Kopf für Geschichten. Da geht es um: Schaffe ich es zwischen diesem und jenem Termin noch die Predigt fertig zu schreiben? Im Alltag ist kein Platz für Ritter und Einhörner. „Nee!“ sage ich dann, „denk dir doch selber eine aus.“ Dann erzählt mir mein Neffe etwas.  Einmal ist auch ihm der Erzählstoff ausgegangen. Tief getroffen meinte er: „Oweh! Meine Phantasie ist alle!“ Wir haben uns beide traurig angeschaut.

Wenn die Phantasie alle ist, gehen mir die Worte aus. Wenn meine Phantasie alle ist, braucht sie frischen Wind, einen neuen Geist. 

Im Moment hängen wir als Christen etwas in der Luft. Christi Himmelfahrt ist vorbei, aber Pfingsten noch nicht da. Ein bisschen ist es so, als müssten wir gerade warten auf den Geist, der unserer Schwachheit aufhilft. Paulus, der war ein Mann, der viele Worte und viele Geschichten hatte. Geschrieben hat er zeit seines Lebens viel. Der Römerbrief war ein besonders wichtiger Brief für ihn. Für vieles hat er da Worte gefunden, auch für den Moment, wo die Worte fehlen. Weil Paulus wusste, wie es ist, wenn die Phantasie alle ist. Manchmal, da rüttelt mich das Leben so durch, da weiß ich nicht mal mehr, was ich Gott sagen soll. Da schau ich mich um auf dieser Welt, in meinem Leben und bin sprachlos. Wenn plötzlich alles anders kommt, als ich es mir mühsam erplant und in den buntesten Farben für mein Leben ausgemalt habe. 

Hey!, schreibt Paulus. Die Gott lieben, denen werden alle Dinge zum Besten dienen. Ach, Paulus!, möchte ich dann sagen. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Woher weiß ich denn, dass ich nach Gottes Ratschluss berufen bin? Und was machst du da für eine ehrgeizige Reihenfolge auf: Ausersehen, vorherbestimmt, gerecht gemacht, verherrlicht? Ist das zu schaffen?

Ich glaube, Paulus lacht dann ein wenig verschmitzt. Hin und wieder, da muss uns Gott ein wenig herausfordern. Uns an unsere Gottes Kindschaft erinnern. An das „Trotzdem“ in unserem Leben. Wir dürfen schwach sein. Bei uns darf auch mal die Phantasie alle sein. Trotzdem sind wir geliebt. Trotzdem nimmt uns Gott an. Gott hat genau hingeschaut bei seinen Menschen. Er weiß, dass wir es alleine nicht schaffen. Das Scheitern zum Leben dazugehört, genauso wie umplanen und neu denken. Gott schickt uns seinen Geist wie einen Sausewind in unser Leben. Er hilft uns auf, er wirbelt unsere Seele durch. Hin und wieder, vielleicht gerade in den Zwischenzeiten wie jetzt, da brauchen wir das. Einen Aufwirbler wie den Geist Gottes. Gottes seufzenden, trotzigen, wilden „Trotzdem“-Geist, der für uns eintritt und uns herausfordert. Der unser Herz erforscht und kennt. 

Als damals unsere Phantasie alle war, da saßen mein Neffe und ich ratlos nebeneinander. Plötzlich habe ich neben mir erst leise, dann immer entschlossenere Pustegeräusche gehört. „Ich puste die Phantasie wieder auf!“ hat mein Neffe freudestrahlend neben mir gerufen.  Gottes Geist hilft unserer Schwachheit auf und tritt selber für uns ein, wenn wir nicht mehr weiterwissen und keine Worte mehr haben.

Manchmal lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und zu lauschen. Vielleicht höre ich dann Gottes Geist, wie er freudestrahlend Hoffnung in meine Seele pustet. 

Pfarrerin Lisa Keck, Weißenstadt