Gesänge vom Verlust des Garten Eden

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Drei zeitgenössische Beispiele afrikanischer Literatur

Beispiele afrikanischer Literatur zwischen bewegenden Klageliedern und poetischem Klang

Zu fernen Horizonten bricht die Karawane auf – unter lauten Klängen von Trommeln und Hörnern. Von der Küste Ostafrikas reist sie ins Landesinnere zu den großen Seen: Es ist allerdings keine Reise in die Welt von Tausendundeiner Nacht – auch keine Entdeckungsfahrt: Arabisch geprägte Händler bringen den Kiswahili-Völkern und den Massai eiserne Spaten und Baumwollstoffe – zum eigenen Profit. Mit dabei: der heranwachsende Yusuf, von seinen Eltern zur Bezahlung ihrer Schulden an einen arabischen Händler übergeben. 

Wie er in dieser Welt seinen eigenen Rhythmus findet, das erzählt Abdulrazak Gurnah, Literaturnobelpreisträger von 2021, mit poetischer Kraft. In einer breit aufgefächerten Ballade besingt er in „Das Verlorene Paradies“ eine Welt im Umbruch. 

Nicht nur die Araber, sondern auch Deutsche und Engländer – wohl in der Zeit um das Jahr 1900 – sind bereit zum Sprung ins Landesinnere. Nicht seine eigene Unfreiheit, sondern die zunehmenden Spannungen vor Ort öffnen Yusuf die Augen für die allgegenwärtige Brutalität und lassen ihn heranreifen. Gleichzeitig spiegeln sich die Erlebnisse in seinen unruhigen Träumen wie bei seinem alttestamentlichen Namensvetter, den auch die islamische Überlieferung übernahm. 

Yusufs Paradies ist der Garten seines Herrn. Dorthin rettet er sich nach der Beinahe-Katastrophe der Karawane zurück: Doch er ist erwachsen geworden, blickt hinter den schönen Schein der duftenden Blumen – die jedoch wenig Frucht bringen. Die Frauen seines Herrn wollen ihn verführen. Yusufs bisheriger Weg endet etwas abrupt – er läuft kurz entschlossen einer Kolonne der Kolonialarmee hinterher.

Nachdem Gurnah 2021 den Literaturnobelpreis erhielt, erschien dieses Werk auch auf Deutsch, obwohl es schon von 1994 stammt. Gurnah, geboren 1948, gehörte zur muslimisch-arabischstämmigen Minderheit in Sansibar. 1968 floh er nach Großbritannien. Sicher spiegeln sich in diesem Werk auch eigenes Erleben und eigene Perspektiven – dann aber zeitlich zurückversetzt und zum Klingen gebracht. Gerade der ganz andere Ton macht ihn so lesenswert.

Ewiger Kreis des Glücks?

Einen ähnlichen Rhythmus atmet „Die Wiederentdeckung des Glücks“ auf Madagaskar. Die deutsche Autorin Antonia Michaelis hat ihren Roman, der heute spielt, aus europäischer Perspektive verfasst. Der deutsche Weltenbummler Terje verlor auf der Insel in jungen Jahren seine Sehnsucht und sein Herz. Bei einer Rückkehr auf die Insel mit seiner erwachsenen Tochter Nora scheint er dies bei Maribelle – ebenfalls eine Tochter einer längst verflossenen Liebe – wiederzufinden. 

Nora will auf der Blumeninsel ein unverwechselbares Parfum erschaffen – das gar gegen Ängste helfen soll. Lässt sich der Duft in den Blütenmeeren der Insel finden? Oder entdeckt sie einen ganz anderen Sinn bei ihrer Reise zusammen mit und in den Fußstapfen des Vaters?

Natürlich ist Madagaskar längst kein Paradies mehr, sondern eine ausgelaugte Insel voller Müll. Doch dieser lässt sich immer wieder recyceln. Die Vergangenheit auch?

Der Betteljunge Biscuit findet zunächst durch neu zusammengebaute uralte Räder seinen Weg als Rikschafahrer. Sein dunkles, aber erfolgreicheres Gegen-Ich Hery wiederum legt ihm unentwegt Steine in den Weg – und verbaut damit beider Pfade zum Glück. Dennoch trägt der poetische, immer märchenhaftere Ton den Roman. Immer abgehobener erscheinen die Ereignisse und das Tun dieser ineinander verknüpften Seelen – doch das macht nichts, da die gleichnishaften Klänge Grenzen überschreiten. „Die Welt, das Leben, die Menschen recyceln sich ständig selbst. Der Kreis ist ewig, doch an irgendeinen Punkt muss man ihn verlassen.“ So bewegend endet dieser Gesang über Selbstermächtigung.

Endlose Klagegesänge

Ganz anders Imbolo Mbue – dennoch genauso zyklisch: Die Kamerunerin, die seit ihrem 17. Lebensjahr in den USA lebt, hat ein ewiges Klagelied in dem Roman „Wie schön wir waren“ verfasst. Die Personen wechseln, das Thema bleibt – ebenso wie die Ölbohrung in einem kleinen afrikanischen Dorf. Schadstoffe sickern ins Grundwasser, in den Boden und die Luft. Gerade die kleinen Kinder sterben unter Krämpfen. Doch über Jahrzehnte hinweg lässt sich offenbar nichts dagegen tun. Verzweiflungsakte der Dorfbewohner enden in noch mehr Unterdrückung. 

Da gibt es keine Gewinner. Auch die Reichen und Mächtigen sind vielleicht noch unglücklicher als die Dorfbewohner: Auch ihre Familien sterben. Auch wenn sie ein wenig gesünder leben, sind sie umso mehr vergiftet – von Gier und Gewalt. Auch sie können aus ihren Lebensspiralen nicht einfach weggehen.

Ebenso wenig wie die Hilfsorganisationen, die sich zwar kümmern und Gerichtsprozesse anstrengen, denen es aber letztlich um ihre eigene Bekanntheit geht. Ein allzu langer Atem hilft da nicht weiter – glimmern nicht noch bewegendere Dramen am Horizont? Die Dorfbewohner sind ja nicht die einzigen, die leiden. Abholzung oder Abbau von Rohdiamanten betreffen viel mehr Dörfer. Manchmal gerät dieses Buch in Gefahr, in Allgemeinplätze zu versinken: eine umfassende Kapitalismus- und Kolonialismus-Kritik wabert wie die giftigen Nebel über die unfruchtbaren Böden. 

Doch dann wechselt die Erzählerstimme, eine neue Strophe des unendlichen Klageliedes beginnt. Die Generationen tragen es über Jahrzehnte weiter. Wenn einem die Flucht in die Stadt gelang – so bleibt doch die Verstrickung.

Einer der Jungen, der gerade noch die Schwelle des Todes überwand, bekommt ein neues Leben in der Stadt mitsamt allen Möglichkeiten einer exzellenten Schulbildung. Doch diese dient nur dazu, dass auch er zum korrupten Bürokraten wird. Seine Schwester Thula gelingt sogar das Studium in Amerika – ähnlich wie der Autorin Imbolo Mbue. 

Sie spricht lange nur durch ihre Briefe aus der Ferne. Doch wird sie zur Anführerin der Jugend im Kampf. Doch viele belächeln sie, da sie auf Ehe und Familie verzichtet. Sie scheitert ebenso wie die Mitstreiter, die es mit Gewalt versuchen.

Die Generationen wechseln: Kinder erzählen zuerst als Kollektiv und werden schließlich erwachsen, Eltern zu Großeltern. Persönlichkeiten, die für sich allein sprechen und uneins sind, wie der politische Kampf zu gewinnen ist. Seine Stärken gewinnt der Roman aus dem ewigen Ton der Klage, die manchmal etwas verebbt, dann wieder aufflackert – wie endlose Nächte der Trommeln – trotz des frustrierenden Inhalts eindrucksvoll!

Abdulrazak Gurnah: Das Verlorene Paradies, Penguin Verlag 2021, ISBN 978-3-328-60258-3, 336 S., 25 Euro.

Imbolo Mbue: Wie schön wir waren, Kiepenheuer & Witsch 2021, 448 S., ISBN 978-3-462-05470-5, 23 Euro.

Antonia Michaelis: Die Wiederentdeckung des Glücks, Droemer 2021, ISBN 978-3-4262-8260-1, 336 S., 20 Euro.