Streithammel – und das Lamm Gottes

150
Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über größere Würde

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. (…) Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Markus 10, 35–45

Keine Frage: Das ist ein altbekanntes Gesetz: „Die Herrschenden halten ihre Völker nieder und die Mächtigen tun ihnen Gewalt an.“  Wenn es nicht so schrecklich aktuell wäre, würde ich sagen: Das kann doch nicht wahr sein! Abstoßend – und tödlich langweilig. Aber seit Jahrtausenden in Kraft: Machthaber diktieren; ihre Völker leiden. Wenn nicht so vielfach sinnlos gestorben würde in den Krisenregionen dieser Erde – wenn Diktatur ein Auslaufmodell wäre, dann wäre es irgendwann einmal vorbei mit den ungebremsten Herrschaftsansprüchen einzelner. Aber danach sieht es nicht aus: Nach wie vor haben Autokraten in vielen Ländern das Sagen. Immer noch sind Menschen von der Stärke eines Starken beeindruckt und bedroht. 

Zur Ausgangslage im Evangelium: Da pirschen sich zwei an, die Brüder Jakobus und Johannes. Es ist peinlich! Aber so sind sie, die Erwachsenen. Wie die Kinder! Diese beiden bedrängen ihren Lehrer: Wir wollen etwas von dir; gibst du‘s uns? Versprochen? – Unerträglich nicht nur der Wunsch, sich im Reich Gottes zwei Sonderplätze vorab zu reservieren. Unerträglich auch ihre Bauernschläue. 

Selbstverständlich bleibt sowas nicht verborgen. Jesus trifft keine heimlichen Nebenabreden. Er kann Gemauschel nicht leiden. Er ist ein Freund von Klarheit; daher ruft er alle zwölf zusammen. „So soll es unter euch nicht sein …“ – Ihr sollt nicht beherrscht werden von eurer Sucht nach Anerkennung, Bedeutung, eurem Ehrgeiz, eurem Misstrauen oder eurem ständigen Vergleichen untereinander. Es wird euch nichts, gar nichts bringen. Ich geh sowieso einen anderen Weg … 

„Nicht so“, sagt Jesus. Und stellt dem allgemein bekannten Gesetz ein anderes entgegen: Dienen, nicht Herrschen. Dienen heißt: die Füße anderer waschen. So wie Jesus das getan hat. Es beginnt eben etwas Neues! Die tödliche Langeweile der alten Gesetze wird aufhören. Ich hoffe auf Aktion in der Passion. Auf eine Passionszeit, die uns mutig macht. Denn es braucht Mut, nach einem Streit aufeinander zuzugehen. Es braucht Stehvermögen, klar und deutlich die eigene Meinung zu vertreten, auch wenn sie nicht im Trend liegt. Es braucht Ausdauer, um im Pflegeberuf heute nicht „auszubrennen“, sondern mit Engagement und dem notwendigen Abstand bei der Arbeit zu bleiben. Zu diesem allen braucht es Mut. 

Und anderswo? Das ukrainische Volk zeigt‘s uns gerade: Es leidet nicht nur, es widersetzt sich. Alle tun etwas, was dazu hilft, in den zerbombten Städten zu überleben. Sie halten zusammen und keiner käme dort auf die Idee, Klopapier oder Speiseöl zu horten. 

Pfarrerin Susanne Bammessel, Süklinikum Nürnberg