Engelsgeduld

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Stärkung des Propheten Elia

Die Andacht zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

Elia aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. 

aus 1. Könige 19, 2–8

Elia ist erschöpft, alle Kraft verschwunden. Burnout würden wir heute sagen, ausgebrannt. Nach der heftigen Auseinandersetzung mit dem Königspaar Isebel und Ahab und der Tötung der Baalspriester ist Elias‘ Leben bedroht, er muss fliehen. Nach der Euphorie, nach seinem Erfolg, dass Gott ihn erhört und Regen gesandt hatte, erscheint ihm nun alles sinnlos. Elia will sterben. „Nimm nun meine Seele.“ Es ist genug. 

Vielleicht kommt uns Elia in der Erinnerung an eigene Erfahrungen nahe. „Es ist genug“, sagt mir der Einzelhändler nach zwei Jahren Corona. „Es ist genug“, sagt die Schwerkranke, ans Bett gefesselt. „Es ist genug“ – vielleicht braucht es dazu gar nicht die dramatischen Krisen. Es genügt dieses Gefühl, sich erfolglos abzumühen. Da kann sich Erschöpfung als tiefe Schwere auf einen legen, die alle Energie heraussaugt.

Und dann? Die Geschichte zeigt einen Weg. Ein Engel tritt zu Elia, berührt ihn, bringt ihm das Lebensnotwendigste, Brot und Wasser: „Steh auf und iss!“ Ein Engel. Wer das schon einmal erlebt hat, dass da einer zu ihm tritt in seiner Wüste, der kann das verstehen. Von einem Engel sprechen wir, wenn wir nicht erklären können, woher ein Anstoß, eine Hilfe, eine Veränderung kommt. Unerwartet: „Dich schickt der Himmel!“ Engel, Bote, Gottes Bote. Es ist die Berührung Gottes, dass mir eine alltägliche Erfahrung zur Begegnung mit ihm wird. Das kann ein Mensch sein, der mich anspricht, ein Brief, eine Mail, die mich erreicht, ein Blick, der mich berührt. Es bleibt ein Wunder, wenn da jemand auftaucht, mich anspricht, und ich wieder Kraft schöpfe.

Was mich berührt an dieser Szene, ist die unaufdringliche Art, ein kleines Lehrstück in Seelsorge: Ansprechen, das Brot hinstellen, man kann es annehmen oder lassen. Keine Parolen, kein „jetzt reiß dich halt zusammen“. Es reichen die Hand und das Zeichen: „Ich habe dich nicht vergessen.“ Doch schnell geht es nicht. Elia schläft noch einmal ein, es braucht den zweiten Anlauf des Engels. „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ Eine Engelsgeduld, bis einer wieder isst und trinkt und sich wieder auf den Weg macht. 

Elia macht das. Und begegnet Gott. Anders als erwartet. Nicht im Feuer, nicht im Sturm, sondern im sanften Sausen – „in einem schwebenden Schweigen“ übersetzt Martin Buber. Die Gotteserfahrung ist Teil des weiten Weges. Auch unsere Wege, in denen unser Glaube durch Krisen und Tiefen geformt wird, sind weit. Eines aber ist tröstlich: Gottes Engel ist uns auch in unseren Wüsten oft näher als wir meinen. Mögen uns solch anrührende Gottesboten begegnen, wenn wir an den Punkt kommen „Es ist genug“, und wir hören „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ Amen.

Pfarrer Bernhard Ritter, Bietigheim

An dieser Stelle schreiben verschiedene Autoren für das Evangelische Sonntagsblatt.