„Die Ohren ja nicht hängen lassen!“

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete. … Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist‘s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend. 

aus Matthäus 26, 36–46

Es ist dunkel geworden. Die Nacht kommt, das Netz zieht sich zu. Zurück liegt der Verrat. Verraten wurde Jesus. Verraten wurde Freundschaft, verraten auch die Hoffnungen, dass es besser werden, dass Hungernde satt werden sollen und Kranke geheilt. Menschliches Versagen mischt sich mit politischem Kalkül: lieber einen opfern, um die Ordnung, die gesellschaftliche Ordnung, die heilige Ordnung, die schon längst nicht mehr in Ordnung war, zu retten. 

Es wird dunkel um Jesus und ein paar seiner Anhänger, die noch verblieben sind. Die Zeit des Leidens hat begonnen. Wohin der Leidensweg führt, ist offen. „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir!“ Beieinander bleiben in dieser Stunde, wenigstens darum bittet Jesus, wachsam sein – sehen, hören, was da kommt, die Angst spüren, die Angst des anderen, eingekesselt, wehrlos, die eigenen Ängste. Doch das überfordert die Jünger.  

Jesus bleibt wach und er betet.Nein, da ist kein Heldenmut. Da ist nur Schwäche. Er will nicht sterben, auch nicht für andere. Dieser Kelch soll vorübergehen. Nie war Jesus, der Menschensohn, den Menschen ähnlicher als in diesem Augenblick. 

Er spricht aus, was andere umtreibt, ohne dass sie es sagen wollen und sagen können. „Ich will nicht leiden, will nicht gefangen und gefoltert werden, will nicht sterben. Bitte nicht, mach, dass das alles anders kommt.“ Das ist Schwäche und Mut zugleich, sich einzugestehen: Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. In diesem Moment, wo er sich das eingesteht, kommt Gott in den Blick, Gott, größer als der Mensch. Der Horizont weitet sich und die Seele: Dein Wille geschehe. Ja, es gibt einen Willen Gottes zum Überleben. Und Jesus gibt sein Überleben in die Hände Gottes. 

Das ist kein frommer Akt, der schmerzfrei macht für das, was kommt. Gottvertrauen ist ein mühsamer Weg. Jesus kommt zurück und findet seine Jünger schlafend. Und wieder treibt es ihn zurück, ein neuer Schwächeanfall der Seele. Nochmals die Bitte: Lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Drei Mal wird dies erzählt. Kann man das nicht kürzen, abkürzen? Nein. Der Weg ins Vertrauen in allem Leiden ist ein mühevoller Weg. Aber mit jedem Schwächeanfall der Seele wächst auch das andere: Gott ist da, sein Wille geschieht. Ich bin in Gottes Hand – auch jetzt, wenn ich den Menschen in die Hände falle: „Siehe, die Stunde ist da.“

Am Vorabend seines Todes, formulierte der Theologe Karl Barth diese Sätze: „Ja, die Welt ist dunkel. … Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her! Gott sitzt im Regimente! Darum fürchte ich mich nicht.“ . 

Menschen sind wachsam geworden in diesen Tagen. Krieg, Angst und Schmerz sind das eine. Das andere sind die vielen Gebete um Frieden. Und die enorme Hilfsbereitschaft. Es hat mich gerührt, einen Bus voller Kinder aus der Ukraine zu sehen, die in einer Jugendherberge in Bayern Aufnahme fanden. Elend des Krieges, Zeichen der Hoffnung. 

Pfarrer Prof. Dr. Hans Jürgen Luibl, Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Erwachsenenbildung (AEEB)