Steh auf!

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern: Gott bringt Elia zum Aufstehen

Elia aber ging hin in die Wüste und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. 

aus 1. Könige 19, 1–8

Es muss nicht der Wacholderbusch sein. Meistens ist keiner da, wenn man einen zum darunterlegen braucht. Vielleicht ist der Badezimmerfußboden gerade näher. Oder der Dachboden, da wo die Wäsche aufgehängt wird. Wobei, das ist fast schon zu tröstlich, wenn es da so heimelig nach frischer, sauberer Wäsche riecht. 

Die Orte, wo man zu Boden geht, sind weniger tröstlich. Sie sind der letzte Ort, wo man sein will. Eigentlich will man nicht am Boden liegen und aufgeben. Sondern sich zusammenreißen, weiterlaufen, sich selbst Mut machen und sowas sagen wie „Komm, das schaffst Du jetzt auch noch!“ Das Problem ist nur: Das hat man sich schon zu oft vorher gesagt. All die Male, die man sich nicht auf die kalten Fliesen gelegt hat. All die anderen Male hat man sich stattdessen die Hände gewaschen, die Wimpern getuscht oder die Schultern gestrafft. Hat den Schlüssel vom Haken genommen und ist raus gegangen. 

Jetzt ist es anders und meistens weiß man nicht wirklich, warum. Man weiß nur: Es geht jetzt nicht mehr: „Es ist genug, so nimm nun Herr, meine Seele. Ich bin nicht besser als meine Väter.“ Wahrscheinlich sagen wir das nicht laut, es würde sich komisch anhören, aber wir denken es. Es ist müßig, jetzt im Einzelnen verstehen zu wollen, was genau uns auf den Badezimmerfußboden geführt hat. Auch für die Geschichte des Elia ist es nicht notwendig zu wissen, was genau vorher passiert ist: Irgendwas mit Ahab und Isebel, einem anderen Gott, einem Schwert. 

So ähnlich wie bei uns: Andere Menschen, ein anderer Gott, ein anderes Ziel, ein Opfer, das zu bringen ist, eine Wahrheit, die auszusprechen wäre, ein Schwert, das auf mich zu fallen droht. 

Die Gründe des Zusammenbrechens verschwinden unter dem Wacholderbusch, wo auch immer. Sie werden nicht besiegt, geklärt oder gelöst. Nicht, solange keine Hilfe da ist für diesen Körper, der da liegt und diese Seele, die da ebenso liegt. Ein Engel muss es schon sein, darauf kommt es an. Und wie immer, das muss kein Mann mit Flügeln sein. Es wird etwas außerhalb von mir sein. Eine Hilfe eben. Die Freundin meint es ernst, wenn sie sagt, ruf an, wenn Du was brauchst. 

Ja, ich bräuchte jemand, der mich jetzt vom Badezimmerboden holt und der weiß, dass der Weg noch weit ist. Und der nicht will, dass ich das mit dem Schwert jetzt gleich kläre, sondern der mir morgen nochmal warmes Müsli macht oder auch eine Wärmflasche. Die Hilfe liegt nicht in mir. Sondern in der Kraft der Speise, in den Armen des Engels, in seiner kühlen Hand auf meiner Stirn. Bis ich genug Kraft für die nächsten vierzig Tage und Nächte habe. 

Pfarrerin Dr. Sabrina Hoppe, Dekanat Traunstein