Von Bewahrung und Versagen

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Kirchenkonferenz von Treysa 1945
Gründungskonferenz des Rates der Evangelischen Kirche (EKD) in Treysa. Sieben der zwölf Ratsmitglieder, von links: Martin Niemöller (stellvertretender Vorsitzender), Wilhelm Niesel, Theophil Wurm (Vorsitzender), Hans Meiser, Heinrich Held, Hanns Lilje und Otto Dibelius.Foto: akg (Detail aus dem Sonntagsblatt)

Kirchengeschichtliches Kompendium als großartiger Kompromiss

Zum Beispiel Treysa: Fünf Tage lang erschien der kleine Ort in Nordhessen Ende August 1945 quasi als Hauptstadt der evangelischen Kirchen: Dort gab es noch einen funktionierenden Bahnanschluss und einen unzerstörten Versammlungssaal der Diakonie. Auch war der Ort relativ zentral gelegen. Nichts wie hin: Dort berieten im August 1945 rund 120 protestantische Kirchenvertreter über einen Neuanfang. 

Kirchenbund, Lutherrat oder Bruderrat? Um allen gerecht zu werden, sollte alles gleichzeitig in Kraft treten. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) entstand, wie der Württemberger Landesbischof Theophil Wurm es angestrebt hat. 

Hans Meiser aus Bayern bekam die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland (VELKD) und Martin Niemöller den „Bruderrat“ der ehemaligen Bekenntnisgemeinschaften. Daher gehört Württemberg, obwohl lutherisch, nicht zur VELKD. Noch in diesen dürren Worten blitzt auf, welche Schwingungen da geherrscht haben müssen. So der Eindruck nach der Lektüre von Wolf-Friedrich Schäufeles „Kirchengeschichte II. Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“. 

Intakte und zerstörte Kirche

Wenige Seiten nur nimmt der kirchliche Neubeginn darin ein. Doch Treysa war ein Kreuzungspunkt, von dem viele Stränge zurück und voran weisen: Diese ergänzenden Gremien gehen zurück auf die Zeit des Kirchenkampfes: Nur wenige evangelische Landeskirchen – vor allem Bayern, Württemberg und Hannover – hatten diese Zeit mehr oder weniger „intakt“ überstanden. Dort hatten die „Deutschen Christen“ bei den Kirchenwahlen im Juli 1933 keine Mehrheit bekommen. Auch die Leitungen konnten sich gegen weitreichende Eingriffe des NS-Staates behaupten. Hans Meiser war von Anfang 1933 bis 1955 Landesbischof in Bayern. Theophil Wurm amtierte ab 1929 als Kirchenpräsident in Württemberg. Dies Amt wurde 1933 zum „Landesbischof“ umbenannt. Wurm blieb in dieser Funktion bis 1948, als er 80 wurde. 

August Marahrens aus Hannover war dort von 1925 bis 1947 Landesbischof – obwohl die Deutschen Christen ihn 1934/35 abzusetzen versuchten. Er protestierte etwa 1939 dagegen, dass Martin Niemöller ins Konzentrationslager gebracht wurde. Andererseits war er kompromissbereiter. Den Protesten Wurms 1943 gegen den Massenmord an den Juden wollte er sich nicht anschließen. Nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 dankte er öffentlich Gott, „daß Du unseren Führer bei dem verbrecherischen Anschlag Leben und Gesundheit bewahrt und ihn unserem Volk in einer Stunde höchster Gefahr erhalten hast.“ 

Da gerade Theophil Wurm nach Kriegsende nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollte, vertrat Oberlandeskirchenrat Hanns Lilje die Hannoversche Kirche in Treysa. 1947 wurde er Landesbischof.

Im Gegensatz zu den „intakten“ standen die „zerstörten Landeskirchen“, in denen die Deutschen Christen ganz unumschränkt die Leitung innehatten. Die Bekennende Kirche betrachtete diese Kirchenleitungen nicht als legitim und versuchte dort unter dem „Notrecht von Dahlem“ parallele Gremien wie Freie Synoden und die Bruderräte aufzubauen. Martin Niemöller stand da an vorderster Front – und war von 1937 bis 1945 von den Nazis inhaftiert. Otto Dibelius, der zuerst Hitler als Überwinder der „Gottlosenrepublik“ von Weimar bejubelt hatte, führte die Bruderräte in Berlin und Brandenburg fort. Er hatte Verbindungen zum Widerstand. Nach dem Krieg wurde er dort Bischof.

So lassen sich nüchterne Sätze der Kirchengeschichte zum Sprechen bringen. Und das Foto oben mit den ernst blickenden Autoritäten. Daneben stehen der unierte Rheinländer Heinrich Held und Wilhelm Niesel als Vorsitzender des Reformierten Bundes. Auch sie waren in engem Kontakt zu Wurm im Widerstand gegen die Nazis. Doch erst 1983 gab es volle Abendmahlsgemeinschaft zwischen allen EKD-Kirchen – also auch zu Reformierten. 

Denken und Handeln

Gut 700 Jahre auf rund 500 Seiten zusammengefasst – da sind natürlich Kompromisse bei der Darstellung nötig. Ebenso kann in diesem Artikel nur ein ganz kleiner Ausschnitt davon dargestellt werden. Als Kompendium für Theologie-Studierende und verwandte Seelen ist dieser 4. Band des „Lehrwerks Evangelische Theologie“ ausdrücklich gedacht. Die protestantische Glaubensgeschichte ist in dem „Schäufele“ sehr nachvollziehbar und strukturiert dargestellt. Dies vereinfacht das Verstehen und Lernen, doch verliert sie manchmal ihren Charakter als Entdeckungsreise.

Ebenso zerfällt die Darstellung in sich: In der frühen Neuzeit stehen die großen theologischen Systeme im Mittelpunkt. Da merkt man es dem Marburger Kirchengeschichtler Schäufele an, dass sein Schwerpunkt im Spätmittelalter und der Reformationszeit in deutschen Landen liegt – wenngleich sein Werk Ausblicke auf England, Frankreich sowie katholische Entwicklungen ergänzen. 

Doch: Nach Bultmann und Barth gab es keine theologischen Denker mehr: So der Eindruck nach der Lektüre. Danach folgt auf den anschließenden rund hundert Seiten die Entwicklung der kirchlichen Institutionen bis zur Wiedervereinigung. 

Zurück zum Knotenpunkt von Treysa: Von dort ist es etwa nur
zwei Monate weit zum Stuttgarter Schuldbekenntnis, das Dibelius, Niemöller und Wurm federführend formulierten. Und 1948 hielt die Kirchenkonferenz von Eisenach trotz der drohenden deutschen Teilung ausdrücklich an der gesamtdeutschen Organisation der EKD fest. Schon auf dem berühmten Foto von Treysa zeigt sich: Es waren alles spätere „Wessies“ – auch Dibelius.

Neues Verhältnis zu den deutschen Staaten

Wie lässt sich ein neues Verhältnis zwischen Staat und Kirche finden? Diese Fragen trieb die Kirche im Osten wie auch Westen um. Hier nur die gröbsten Entwicklungslinien: Nach 1969 gab es zwei Kirchenstrukturen. Die Kirche im Osten war geprägt von der Diskussion um Kompromisse mit dem Staat, aber auch um Möglichkeiten sich Freiräume zu schaffen. Letztlich hielt sie diese durch diplomatische, aber auch finanzielle Hilfen aus der West-EKD offen. Die Kirche in der DDR wollte nicht nur „überwintern“, sondern verstand sich als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft für andere.

Die Kirchen im Westen führten trotz früherer Kritik an Weimar dessen Staatskirchenrecht fort. Der „West“-Berliner Otto Dibelius – bald Vorsitzender der EKD – unterzeichnete 1956 den Militärseelsorgevertrag. Dagegen trat immer mehr Martin Niemöller an, seit 1947 Kirchenpräsident in Hessen-Nassau und Auslandsbischof. Er wandte sich gegen die Wiederbewaffnung und die NATO-Mitgliedschaft. Er unterstützte die Friedens- und später die Studentenbewegung – oft jedoch wenig diplomatisch. Trotz seines Amtes dachte er über ein „prophetisches Wächteramt der Kirche“ und die Überwindung landeskirchlicher Strukturen durch die Bruderräte nach. Diese unterstützte die EKD jedoch immer weniger. Schon auf dem Foto von Treysa stehen Dibelius und Niemöller an verschiedenen Seiten – als hätten sie ihre Entwicklung vorausgesehen. Gegen eine Politisierung der Kirche wandten sich dann Konservative und betonten die Sammlung um die Bibel. 

In der DDR setzten sich Pfarrer wie Rainer Eppelmann für die dort gefährdeten Kriegsdienstverweigerer ein. Viele waren vorsichtiger als er, aber ihre Gemeinden bilden Schutzräume für Basisgruppen. Nicht zufällig moderierten viele Pfarrer dort während der Wendezeit „runde Tische“. Kurz benennt Schäufele die „kritischen Stimmen, die das Tempo des Vorgehens beanstandeten.“ Damit ist sein Werk beendet – es folgt noch Ökumene. 

Und ein Nachwort: Die historische Betrachtung führe immer wieder auf bestimmte, sich wiederholende „Entwicklungsoptionen und Ereignismuster.“ Die Kirche hat sich entwickelt aus einer Vielfalt von Glaubens- oder Handlungsoptionen – aber auch in dem Glauben daran, „dass Christus seine Kirche nie verlässt.“ Und Schäufele geht zurück auf Philipp Melanchthon, der frühmodern noch wenig mit dem Gedanken einer historischen Entwicklung anfangen konnte: „Und so beschrieb er die göttliche Erhaltung der Kirche im Muster eines konti-nuierlichen Wechsels zwischen menschlichem Versagen und Niedergang der Kirche und ihre Wiederherstellung durch von Gott gesandte Lehrer und Reformer.“ Dies sei zwar heute wenig nachvollziehbar – aber gibt es nicht öfter eine Pendelbewegung zwischen Aufbruch und Erstarrung?

Diese Gedanken sprengen Prüfungswissen zum Christentum: „Mit seiner Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit bringt es gute Voraussetzungen mit, auch künftig überzeugende Antworten zu finden.“ Amen, mit Gottes Hilfe.

Wolf-Friedrich Schäufele: Kirchengeschichte II. Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Ev. Verlagsanstalt 2021, 544 S., 48 Euro, ISBN 978-3-374-05484-8.