Das Wort ist lebendig

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Die Andacht zum Hören:

Und zum Nachlesen:

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es schneidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen. 

Hebräer 4, 12–13

An meinem Arbeitsplatz steht eine Jesusikone. Wenn ich dort sitze, ist die Ikone mein Gegenüber. Jesus schaut mich mit aufmerksamen Augen an. Sein Blick ist ruhig. Er sieht mir nicht nur in die Augen. Er sieht mir ins Herz. Er kann gar nicht anders. Er kennt mich durch und durch. Er weiß, was in meiner Seele wohnt, was meine Gedanken erfüllt und was mich umtreibt. Er sieht das Licht und er sieht, wo die Angst sitzt.  Manchmal schaut er nur die Angst an und sagt: „Fürchte dich nicht!“

Natürlich ist die Ikone nur ein Bild. Aber aus diesem Bild schaut mich Jesus an. Die Ikone erinnert mich täglich: Jesus ist heute bei mir und verliert mich auch morgen nicht aus den Augen. So lange kennt er mich nun schon. Viel länger als sein Bild auf meinem Fensterbrett steht. „Kein Geschöpf ist vor ihm verborgen.“ Er kennt mich besser als ich selbst. 

Wer kennt uns so wie wir sind und liebt uns (trotzdem). Vielleicht in Wirklichkeit nur der, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Der unsere Stärken und Schwächen kennt. Der sich wünscht, wir würden all das entwickeln können, was er in uns gelegt hat. Und der doch auch die Hindernisse sieht.

Die Hindernisse halten ihn aber nicht ab, bis zu mir durch zu dringen. Jesus sieht mich aus der Ikone an und seine Augen sprechen: „Du bist mein.“ So stärkt er mein Vertrauen zu ihm. Er arbeitet an mir. 

Und vor diesen Augen werde ich einmal Rechenschaft geben müssen. Das geschieht vor Jesus, in dessen Augen Gottes Liebe leuchtet. „Er ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“ Niemand sonst.

Er ist es und wird es nicht erst am Ende der Zeit sein. Ich interessiere ihn ja nicht erst, wenn ich gestorben bin. Ihm geht es heute um mich. Täglich lädt er mich ein, ihm meine Gedanken und Gefühle hinzuhalten. Ihm alles was Seele, Geist und Körper bewegt zu zeigen. 

Es gibt dafür eine gute Übung. Sie heißt das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ und kann jeden Tag beschließen. Jesu Aufmerksamkeit ist liebevoll. Er weiß sowieso, was in mir los ist und was ich erlebt und getan habe. Verbergen ist viel anstrengender, als ihm zu zeigen, was war. Versteck spielen hält mich in der Unruhe fest. Vertrauensvolle Zeigen bringt etwas in Bewegung. 

Im Bibelwort heißt es: „Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es schneidet Seele und Geist, auch Mark und Bein.“ Da wird kein Zweifel gelassen, dass das Wort Gottes wirkt, ganz tief im Menschen. Es wirkt auf Seele, Geist und Körper. Es bringt große Veränderung. Die Hoffnungslosigkeit wird nach und nach entfernt und die Stellen, die ohne Liebe sind, müssen weg und alles, was Vertrauen erstickt wird bekämpft – vom Wort Gottes, von Jesus, dem Mensch gewordenen Wort.  

Das Wort dringt durch. Das Wort verwandelt den Menschen. Es bringt Glauben, Hoffnung und Liebe. Das Wort bleibt aber immer Wort. Es verwandelt sich nicht unter der Hand in ein Schwert. Deshalb hat der auferstandene Herr Jesus in der Offenbarung das zweischneidige Schwert nicht in der Hand, sondern es geht ihm aus seinem Mund. 

Hans Dieter Hüsch hat gesagt: Gottes Worte sind hell und klar, sie lassen das Herz nicht bluten, sondern blühen.

Dekanin Martina Beck, Thurnau