Ein Ort der Zuversicht

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Die Corona-Krise hat auch die Bahnhofsmission auf eine bisher nicht bekannte Weise herausgefordert.Foto: PR
Die Corona-Krise hat auch die Bahnhofsmission auf eine bisher nicht bekannte Weise herausgefordert.Foto: PR

Die Bahnhofsmission im zweiten Pandemiewinter

Draußen tanzen die ersten Schneeflocken – es wird kalt. In seinem Büro hat der Leiter der Bahnhofsmission Würzburg, Michael Lindner-Jung, das Telefon aufgelegt. Soeben hat er mit Verantwortlichen der Stadt Würzburg über die Fragen gesprochen: Wie geht es weiter mit den Menschen die draußen sind und wo kommen sie unter? Im letzten Jahr gab es eine Wärmehalle, die mit viel Engagement der Mitarbeitenden der Bahnhofsmission aufgebaut und betreut wurde. 

„Wir stehen jetzt an einem Punkt an dem ich merke: Es reicht definitiv nicht mehr, was wir im Angebot haben“, sagt Lindner-Jung. „Es reicht nicht für die Menschen, die ohne Obdach sind und solche, die sich selbst alleine überlassen sind.“

Dieses Jahr ist einiges anders als im letzten Winter. Damals herrschte Lockdown und den Menschen war es nicht mehr möglich, sich in Geschäften oder einer Gaststätte aufzuwärmen. Dennoch empfindet der Leiter der Bahnhofsmission, dass in diesem Jahr die psychische Belastung der Menschen für viele kaum noch zu schultern ist. Sowohl von der Seite der Helfenden, als auch derjenigen, die Hilfe suchen. 

Wandel der Zeit

Die Bahnhofmission, die eine Einrichtung der Evangelischen und Katholischen Kirche ist, hat sich im Laufe der letzten 125 Jahre gewandelt. War sie früher vielen bekannt als Hilfestellung beim Umsteigen oder als Unterstützung in besonderen Lebenslagen ist sie heute ein Ort geworden, wohin jeder kommen kann, der Hilfe braucht. Um die 40.000 Kontakte gab es alleine im vergangenen Jahr. Doch die Bahnhofsmission ist mehr als ein Anlaufort für Gesprächs- und Beratungsangebote geworden. Hier finden Menschen Hilfe in akuten Notsituationen, Gewalterfahrungen und psychischen Krisen. Es kommen Bedürftige, die mit Lebensmitteln versorgt werden und andere mit Migrationshintergrund sowie Flüchtende und den damit einhergehenden Schwierigkeiten. Auch werden Kontakte für die Hilfesuchenden hergestellt – ob zur benachbarte Kleiderkammer oder ins nahegelegene Krankenhaus. 

Gerade die psychischen Belastungen haben zugenommen, so der Leiter. Sie gehen oft einher mit den verschiedensten Süchten. Die Bahnhofsmission bietet Schutz und Wärme, einen warmen Tee und etwas zu essen. Für Frauen mit Gewalterfahrungen gibt es hier auch Schlafmöglichkeiten. Alle haben hier die Möglichkeit der persönlichen Körperhygiene. Rund um die Uhr betreut ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen die Menschen, die das Leben so oft aus dem Spiel gekickt zu haben scheint.  

Am Limit

Die Pandemie im zweiten Jahr verschärft die Regeln. Einige Missionen in anderen Städten haben den direkten „Personenverkehr“ geschlossen und können nur noch „Hilfe zum Mitnehmen“ anbieten. In Würzburg ist das aktuell nicht im Gespräch. „Letztlich können wir nicht überprüfen, ob jemand geimpft ist oder nicht. Wer auf der Straße lebt, hat irgendwann in der Regel keine Papiere mehr. Wir nehmen jeden auf und versuchen, uns alle mit entsprechenden Maßnahmen zu schützen“, sagt Michael Lindner-Jung. So gibt es kein „offenes Essen“ mehr im Aufenthaltsraum, damit die Schutzmasken oben bleiben können oder die Bereiche wurden mit Plexiglas verkleidet. Vertiefte Gespräche sind nur noch bedingt möglich. Und gerade das bräuchte es – ebenso wie Wärmehallen und beheizte Orte, in die sich die Menschen zurückziehen könnten. Mit der Stadt und anderen sozialen Einrichtungen wird überlegt, wie und wo man das erreichen könnte. Dem großen Engagement des letzten Jahres ist eine gewisse Erschöpfung gewichen. 

„Es macht was mit einem, wenn man lange am Limit arbeitet. Wenn man sehr oft das Gefühl hat, dass es nicht reicht. Dass die Menschen mehr bräuchten und man es – aus verschiedenen Gründen – nicht geben kann. Für viele der Besucher der Bahnhofsmission ist der Alltag schier unerträglich. Die Situation wird für viele hoffnungsloser. Hinzu kommt, dass mir selbst Wesentliches fehlt, weil ich mich den Menschen nicht so zuwenden kann, wie ich es gerne möchte. Es bedrückt mich und es kostet manchmal auch Kraft.“ 

Der Pragmatismus von ihm und seinem Team ist jedoch ausgeprägt. „Wir fragen uns dann immer: Okay – was ist die Situation und was können wir in dem Rahmen, der uns gerade vorgegeben ist machen: Und dann versuchen wir ihn, so gut es geht auszufüllen und auch auszureizen. Bei allem sind immer mindestens zwei Aspekte zu berücksichtigen: Die Mitarbeitenden nicht in Gefahr bringen; gleichzeitig aber für alle Menschen da sein, die sonst niemanden haben. Dafür gibt es keine einfache Formel.“

Zuversicht geben

Die Begegnungen und Veranstaltungen in der Advents- und Weihnachtszeit ist seit Pandemieausbruch eine andere geworden. Vielleicht ist dieses Jahr eine Art Andacht möglich – vielleicht muss auch sie abgesagt werden. Man lebt von Tag zu Tag mit sich immer wieder verändernden Bedingungen. 

Lindner-Jung, der neben einem Betriebswirtschaftsstudium auch Theologie studierte, ist in dieser Zeit eines wichtig: „Die Menschen sollen einen Ort haben, an dem sie ankommen können. Die Hirten der Weihnachtsgeschichte, die die Krippe besuchten, haben keine Verbesserung ihrer Lebensumstände erfahren. Äußerlich waren sie nach ihrem Besuch wieder draußen auf dem Feld, in der Kälte. Nichts hat sich geändert. Außer, dass sie Zuversicht bekommen haben. Genau das ist es, was wir den Leuten vielleicht gerade in dieser Zeit geben können.“

Seine Wünsche für die Zukunft beziehen sich nicht nur auf die Besuchenden der Bahnhofsmission. Vielen Menschen geht es in dieser Zeit nicht gut – ob Gewerbetreibenden oder denen, die sich seit längerem in einer Schieflage befinden. „Vergesst eure Nachbarn nicht, denkt euch zu den Menschen, deren Leben sich schon vorher wie unter Quarantäne angefühlt hat und jetzt erst recht. Und wer immer die Möglichkeit dazu hat: Schaut, was man selbst für den Anderen sein kann. Ein Gebet mag nicht unbedingt die Welt verändern. Aber es verändert den Betenden und somit dann doch die Welt“, so Lindner-Jung.

Sie können die Bahnhofsmission auf ganz unterschiedliche Art unterstützen – durch ehrenamtliche Mitarbeit bis hin zu Sach- und Geldspenden. Das Spendenkonto der Bahnhofsmission: LIGA Bank IBAN DE82 7509 0300 0103 0018 81, BIC GENODEF 1M05.