„Meins Herzens Tür dir offen ist …“

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Advent im Seniorenheim in Coronazeiten
Advent im Seniorenheim in Coronazeiten. Foto: Wollschläger

Gottesdienst im Seniorenheim

Als Seniorenreferentin und Lektorin der Kirchengemeinde St. Johannis in Würzburg feiere ich in Seniorenheimen in der Innenstadt Gottesdienste. Das ist immer besonders und oft auch überraschend. Denn manche der Bewohner sind in ihrer ganz eigenen Welt aus Erinnerungen und Vergessen. Von einem Adventsgottesdienst möchte ich erzählen. 

„Ich sitze lieber im Flur.“ Die alte Dame legte ihre Beine mit den hübschen Pantoffeln kokett übereinander und hüstelte bedeutungsschwer unter der Maske. 

Nach und nach trudelten die Bewohner und Bewohnerinnen in die hauseigene Kapelle. Leider blieben die Türen nicht offen stehen. 

„Fummeln hat noch nie was gebracht“, tönte eine der Alten. Sie ist ein bisschen zeitverzögert. Die Lieder, die im Gottesdienst gespielt wurden, brummte sie beim anschließenden Gebet oder Predigt unter ihrer Maske hervor. 

Eine Bewohnerin seufzte beständig und laut, um sich die Maske aus dem Gesicht zu ziehen. Anschließend ließ sie sie sehr ordentlich in einer Westentasche verschwinden. Die Betreuungskraft sprach beim beständigen Versuch, den Bewohnern die verrutschten Masken wieder aufzusetzen, sehr laut. Das Konzept der Masken wird auch nach fast zwei Jahren von den wenigsten Bewohnern verstanden. Aus diesem Grund ging die Betreuungskraft reihum und zupfte die Masken wieder in die richtige Position.

Gedanklich brachte es mich kurzfristig von „Tochter Zion“ auf „Der Plumpsack geht um“. Ein Bewohner begann, sich auszuziehen. Im Unterhemd verhedderte er sich und pausierte. Zum Psalm 23 schepperte es im Hintergrund aus der Küche. Bald würde es Abendbrot geben. Die letzten Vorbereitungen wollten abgeschlossen werden. Fast erwartet man noch das Ertönen des Horns von Gondor aus dem Herrn der Ringe. Es erfordert immer wieder Konzentration, zum Konzept zurückzukommen.

Doch dann bei einer der Strophen von „Macht hoch die Tür“, passierte ein kleines Adventswunder. Ich hatte das Licht gelöscht, damit die Bewohnern besser die Kerzen sehen konnten. Ich saß neben einer Seniorin, die eigentlich auf der Suche nach „Heddi“ war und hielt ihre Hand. Wir sangen die alten Strophen, die alle auswendig konnten. In diesem Augenblick war alles gut. Da schien es, als wäre unser aller Herzenstür weit offen. Es war deutlich spürbar, wie die Musik in die teils entschwundene Welt der Menschen eindrang und ein Echo fand. Es war ein Moment der Magie.

Bei der Verabschiedung sagte eine der Bewohnerinnen: „Fräulein. Des war arch schö‘. Kaufen sich was Schönes.“ Und drückte mir vier Euro in die Hand.