Mehr als Socken: Großer Schatz der Reformation

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Inge Wollschläger Editorial Hintergrundbild Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt von Inge Wollschläger

Das Editorial zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

Es ist ein großer Schatz, den uns der Reformator Martin Luther hinterlassen hat. Doch was wissen wir wirklich? Was wissen wir von einem Mann, der 1517 seine Thesen der Legende nach an die Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben soll und so die Reformation in Gang brachte?

Sind es nur solche allgemeinen Eckdaten, die haften bleiben? Und wäre das in seinem Sinne? Oder würden ihm viel besser persönliche Erlebnisse gefallen?  

Wenn die sonst piekfeine Oma eines Freundes sich nach einem Fest-Essen in ihren Stuhl zurücklehnte und sehr laut und sehr deutlich die ebenfalls sehr vornehme Verwandtschaft fragte: „Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?“ 

Würde er lachen, wenn Konfirmanden auf die Frage des Pfarrers, was Luther denn Bedeutendes auf dem Reichstags in Worms gesagt hatte, zunächst keine Ahnung hatten. Und selbst auf die Hilfestellung, dass dieser Satz mittlerweile oft auf Socken stehen würde, zaghaft mit: „Adidas“ antworten würde, anstatt: „Hier stehe ich und kann nicht andere!“ Würde er die Ohren spitzen, wenn er hörte, wie Freunde über das – aus heutiger Sicht – völlig aus er Mode gefallene Wort „Gnade“ reden? 

Die Leserinnen und Leser unseres Sonntagsblatts sind natürlich bestens informiert über das Leben und Wirken des Martin Luther. Aber alle Zahlen, Daten und Fakten ersetzen niemals unsere persönlichen Erlebnisse, die sich auf verschiedenste Arten in unser Herz und den Erinnerungsschrank unseres Geistes eingeschlichen haben.  

Darüber könnte aber die Lust an einer erneuten Reformation geweckt werden. Luther hat es vor über 500 Jahren vorgemacht – wir können es jeden Tag im Kleinen oder Großen ihm gleichtun – ganz ohne Angst vor einer Reichsacht. Und manche sind auch schon dabei. Mit und durch unser Engagement in Kirchengemeinden und Gremien und unserem Glauben würde alles, was uns verbesserungswürdig erschien, auf den Prüfstand kommen. Wir würden nicht eher ruhen, bis wir eine Lösung hätten, die niemals Stillstand bedeutet. Anschließend würden wir vielleicht mit einem Augenzwinkern sagen: „Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir. Adidas!“ 

Wir wüssten dabei jedoch immer, dass wir nie aus der Gnade Gottes fallen können.