„Ich vergesse dich nicht“

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Gedenke daran, ich vergesse dich nicht! Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich!  

aus Jesaja 44, 21–23

Reformationsfest 2021 – ja, Luther hat vor 500 Jahren seine Schriften am Reichstag in Worms nicht widerrufen. Für ihn waren seine reformatorischen Erkenntnis zu tiefgreifend, dass es keinen Schritt mehr zurück gab. Man kann das mit einer gewissen Genugtuung anschauen und sich sehnsüchtig an diese längst vergangene Zeiten erinnern. Die Zeit, in der die Kirche im alltäglichen Leben noch Bedeutung hatte.

Reformationsfest 2021 – die Wirklichkeit heute erscheint in einem schwierigen Licht. Wir erleben aktuell, dass unsere evangelische Kirche in einem gewaltigen Veränderungsprozess steckt, die mehr herausfordert als man sich vorstellen konnte: manchmal habe ich den Eindruck, als würde Glauben verdampfen. Immer mehr Menschen gewöhnen sich daran, dass es ohne Gott geht. Viele Zeitgenossen leben gottvergessen und sie haben schon keine Ahnung mehr. Das entmutigt Christenmenschen und Verantwortliche in der Kirche: angestammtes spielt keine Rolle mehr, Menschen gehen ihren Weg. 

„Hat Gott uns vergessen?“ Diese Frage trieb das Volk Gottes in der Verbannung in Babylon um. Die Israeliten waren weit weg von dem, was sie sonst auszeichnete: Ihr Tempel, ihre heilige Stadt Jerusalem. Die Frage nach der Schuld für die aktuelle Situation war nicht zum Schweigen zu bringen. „Wer ist denn Schuld an dieser verfahrenen Situation?“ und voller Sorge schaute man in die Zukunft und fragte immer wieder: „Wie wird es weitergehen und wird es eine Zukunft geben? – Oder können wir uns nur an seligen Geschichten aus der Vergangenheit erfreuen?“ 

Auch wenn sich die babylonische Exilsituation nur schwerlich auf die gegenwärtige Situation der Kirche übertragen lässt, entdecke ich doch so manche Gedanken, so manche Überlegungen der Gegenwart: Vor allem, wenn man über die Zukunft der Kirche nachdenkt und dabei die Gegenwart realistisch anschaut. Das Gewohnte, der sichere Ort ist nicht mehr. Nicht nur Zeitungskommentatoren fragen, ob die Kirche eine Zukunft haben kann.  

Und dahin höre ich den Propheten im Auftrag Gottes sagen: Gedenke daran – also: Denkt dran und vergesst es nicht, was Gott euch versprochen hat. „Ich vergesse dich nicht.“ Ein grandioses Versprechen: Gott vergisst sein Volk nicht. Es ist das wunderbare Angebot Gottes – und das sollen und dürfen wir nicht vergessen: Gott weiß um seine Gemeinde, um sein Volk.

Dekan Hermann Rummel, Wassertrüdingen

Lied 262:

Sonne der Gerechtigkeit

Gebet:

Herr, erwecke deine Kirche und fange bei mir an. Herr, baue deine Gemeinde und fange bei mir an. Herr, lass Frieden überall auf Erden kommen und fange bei mir an. Herr bringe deine Liebe und Wahrheit zu allen Menschen und fange bei mir an. Amen. 

Gebet eines chinesischen Christen