Endgültig nicht endgültig!

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über Not und Trost des Königs Hiskia

Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war: Ich sprach: In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren, zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre. […] Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden. […] Ich zwitschere wie eine Schwalbe und gurre wie eine Taube. Meine Augen sehen verlangend nach oben: Herr, ich leide Not, tritt für mich ein! Was soll ich reden und was ihm sagen? Er hat’s getan! Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele. […]Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück. […]

Jesaja 38, 9–20

König Hiskia wurde todkrank. Das reicht scheinbar noch nicht. Jesaja gibt ihm im Namen Gottes so etwas wie eine amtliche Bestätigung: Bring deine Angelegenheiten in Ordnung, du wirst sterben. Das klingt in meinen Ohren unabwendbar. Wenn es sogar Gott sagt, dann muss es endgültig sein.  Der Arzt hat mir gesagt, „sie haben noch drei Jahre”, sagt mir jemand: „Die Zeit ist jetzt um!” Äußerlich ist ihm nichts anzusehen. Ich bin sprachlos und spüre eine tiefe Traurigkeit. Ich weiß, jetzt geht es nicht um den Arzt, sondern um Gott. 

Hiskia hat sich auf seinem Krankenbett schon umgedreht. Er schaut zur Wand. Jesaja kann gehen. Hiskia spricht zu Gott. Und er weint sehr. Da schickt Gott Jesaja wieder zu ihm und lässt Hiskia sagen: „Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen.” Hiskia wird wieder gesund. 

Das macht mich neugierig: „Was ist das für ein Gebet?” Soll ich es für schwere Zeiten lernen? Nein, das ist kein Psalm 23, der mich mitnimmt und zur Ruhe kommen lässt. Zu sehr ist mir das Gebet Hiskias ein verzweifelter Schrei. Hiskia stürzt in eine bodenlose Tiefe, in die ich nicht fallen möchte. Aber er reißt Gott mit sich und ringt mit ihm. Ich sehe zu, aber an seiner Stelle möchte ich nicht sein. Er sagt: „Ich habe mein Leben gewebt und gelebt und jetzt schneidet Gott, der eigentliche Weber, das Webstück – mein Leben – vom Lebensfaden ab.” Wie verrückt: Das Webstück ringt mit dem Weber. 

Hiskia kämpft mit allen Mitteln ohne echte Chance. Vollkommen am Ende liegt er da und sieht voller Verlangen nach oben. Mit letzter Kraft wagt er eine verwegene Bitte: „Herr, ich leide Not. Nimm du meinen Platz ein!“ 

Der todkranke Hiskia wird gesund, aber er ist nicht vollständig geheilt. Die schwere Krise seines Lebens hinterlässt tiefe Bitterkeit in seiner Seele. Es ist nicht genug, körperlich genesen zu sein. Hiskias Seele sucht Frieden. Erst als er spürt und erkennt, wie nahe ihm Gottes Liebe ist und immer schon war, kann er Gott wieder von Herzen loben. 

Dekan Rainer Horn, Leutershausen

Gebet: 

Jesus Christus, du bist der Bürge meiner Hoffnung! Dort, wo sich der Boden unter meinen Füßen öffnet, steh mir bei und steh für mich ein.
Amen.