„Denn ich bin Gott und nicht ein Mann“

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„Pfeilerfiguren“ mit Göttinnen, oft in Israel vom 8. bis 6. Jh. vor Christus gefunden, rechts nach alten Spuren bemalt.
„Pfeilerfiguren“ mit Göttinnen, oft in Israel vom 8. bis 6. Jh. vor Christus gefunden, rechts nach alten Spuren bemalt. Foto: Borée

Erlebnisausstellung im Frankfurter Bibelmuseum diskutiert göttliche Rollenbilder

Muss die Provokation sein? Ins Auge fallen das Bildnis von „Conchita Wurst auf der Mondsichel“ und der Titel der Ausstellung „G*tt w/m/d“. Das lenkt natürlich Aufmerksamkeit auf sich, stößt aber genauso ab. Das „Bibelhaus Erlebnis Museum“ in  bester Museumslage am Frankfurter Mainufer scheint damit sehr kalkuliert umzugehen. 

Das schafft dann nicht nur praktische Probleme: Wie soll ich denn das aussprechen: „G‘tt“? Und geht dies nicht an den Rand der Gotteslästerung? Im Gegenteil, würden viele fromme Juden sagen. Seit Jahrhunderten schrieben sie auf Jiddisch und später auf Deutsch „G‘tt“ oder „G-tt“– um die Unaussprechbarkeit anzudeuten.

Gott bilderlos verstehen

Spannend in diesem Zusammenhang die Erläuterungen von Rabbiner Jehoshua Ahrens von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland, der im Ausstellungskatalog dazu antwortet: „Gott kann nicht nach unseren physischen Definitionen verstanden werden. Er besteht nicht aus Materie und ist daher für uns abstrakt. Demnach hat Gott natürlich auch keinerlei Geschlecht.“ 

Schließlich sagt bereits schon die Schöpfungsgeschichte: „Und Gott schuf den Menschen ihm zu Bilde – als männlich und weiblich schuf er ihn“ (1. Mose 5,1 f.). Je nachdem, wie wörtlich wir das nehmen, ist damit auch unser Bild von einem männlichen Gott hinterfragt. 

Die Vorstellung Gottes als Mann betont der Prophet Hosea in den ersten Kapiteln. Dem Herrn wird seine Anvertraute Jerusalem ständig untreu und ist somit bestrafenswert. Als Zeichenhandlung soll der Prophet eine Prostituierte heiraten.  Dann heißt es plötzlich in Hosea 11,9: „Denn ich bin Gott und nicht ein (Ehe-)Mann, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht in Zorn.“ Luther übersetzt dieses hebräische Wort („Isch“, obwohl in direkter Beziehung zu „Ischa“ = „Frau“) mit „Mensch“. 

Hat Gott auch die Eigenschaften von Göttinnen?

Mehrere alttestamentlichen Texte nach der Exilszeit weisen Gott „Eigenschaften und Funktionen zu, die traditionell mit Göttinnen verbunden gewesen sind“, so der Katalog: Er oder sie beschützt Herden, ernährt die Menschen, gebiert selbst (5. Mose 32,18 und Jesaja 42,14) oder öffnet Unfruchtbaren den Schoß. Er wird als Mutter bezeichnet (Jesaja 49,15). Später erscheint „die Weisheit“ als Spenderin von Nahrung, Schutz und Leben (Sprüche 3,13–18, Jesus Sirach 14,26 f. und 15,3.).

Damit vereint Gott auch Eigenschaften weiblicher Gottheiten Ihre Darstellung in Stauen begann in der Mittelbronzezeit seit etwa 2.200 vor Christus, wie die Ausstellung zeigt.Die Göttinnen können Fruchtbarkeit, aber auch Erotik symbolisieren. 

Erst Jahrhunderte später finden sich verstärkt die Darstellungen männliche Gottheiten mit kriegerischen Attributen. JHWH ist zuerst als kampfesmächtiger Schutzherr des israelischen Königshauses fassbar (ausführliche archäologische Begründung in Sonntagsblatt-Nr. 4 vom 31. Januar 2021). 

Das Alte Testament erwähnt als heidnische Göttinnen vor allem Aschera, Anat und Astarte. Den ersten Namen nimmt das Alte Testament auch als Bezeichnung von Kultpfählen auf. Im 5. Mose 16,21 begegnet das Verbot, solche „Aschera“ neben dem Altar JHWHs aufzustellen. Offenbar scheint es diese Praxis gegeben zu haben.

Jeremia beschreibt den Kult um eine Himmelskönigin in Jerusalem und nach der Vertreibung ins Exil auch in Ägypten (7,17; 44,17). Er erwähnt die Teilnahme von Königen und Obersten. Trotzdem verweist die Form des Kults in den Bereich der Familienfrömmigkeit, an der vor allem Frauen und Kinder beteiligt sind. Ihr werden Kuchen gebacken. Viele der Göttinnenstatuen tragen Gegenstände, die oft als Handtrommeln gedeutet werden, aber auch runde Kuchen sein könnten.

Sogenannte „Pfeilerfiguren“ von Göttinnen finden sich „massenhaft“ bei Ausgrabungen im Heiligen Land. Meist stammen sie aus einer Zeit des späten 8. Jahrhunderts vor Christus bis zur Zerstörung Jerusalems 586 vor Christus – als das Nordreich bereits untergegangen war und viele Propheten wirkten. Als Protest der Volksfrömmigkeit gegen die Degradierung der weiblichen Rolle in der Götterwelt und ihren Ausschluss aus dem kultisch-religiösen Bereich durch die religiös-politische Elite“ so heißt es im Katalog.

Mindestens zwei Mal ließen sich Inschriften aus der Zeit um 800 vor Christus im Heiligen Land entdecken, die von „JHWH und seiner Aschera“ sprechen (ebenfalls ausführlich dargestellt in Sonntagsblatt-Nr. 4 vom 31. Januar 2021). 

Als er nun in der Vorstellung zum einzigen Gott wurde, konnte er durchaus auch Eigenschaften der anderen Gottheiten aufnehmen, um alte Kulte in die Religion Israels zu integrieren.

War Adam ein Mann?

Diesen Vorstellungen von männlichen und weiblichen Zügen Gottes entspricht eine uralte Vorstellung, dass in Adam beide Geschlechter ruhten, ehe Gott mit Eva quasi das Weibliche aus ihm herauszog. Das nennt Jehoshoa Ahrens „direkt aus der rabbinischen Literatur“ entsprungen: „Dort heißt es zur Schöpfungsgeschichte, dass der weibliche und männliche Teil des Menschen anfangs zusammen erschaffen wurde, in einem Körper, mit einer Seele, also doppelgeschlechtlich.“ Diese Vorstellung kannte auch Luther und lehnte sie als „jüdische Fabel“ ab. Der Name „Adam“ wiederum bedeutet im Hebräischen „Mensch“. Spätestens seit Luthers Übersetzung ist der erste Mensch seit Anbeginn ein Mann. 

Dieses Nachdenken über archäologische Zeugnisse und Wortbedeutungen erscheint mir sehr spannend. Denn es berührt Ursprungslinien der Glaubenssicht. Natürlich bringt eine möglichst farbige Inszenierung sogar mehr Besucherzahlen – doch es schreckt andere dadurch ab, die so aufgehalten werden, tiefer zu blicken.  Susanne Borée

Ausstellung im Bibelhaus Erlebnis-Museum voraussichtlich bis 19. Dezember, Metzlerstr. 19, Frankfurt am Main. Geöffnet Di.–Sa. 10–17 Uhr, So. ab 14 Uhr. Mehr unter https://www.bibelhaus-frankfurt.de, https://www.gott-wmd.de oder Tel 069/66426525. Gleichnamiger Ausstellungskatalog, 208 Seiten, 23 Euro, ISBN 978-3-96176-138-8.