Tragende Kraft der Gemeinschaft

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Editorial Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial von Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Fast fängt der kleine Junge auf dem Friseurstuhl zu weinen an. Es hat den Anschein, als wäre es sein erster Besuch und sein erster Haarschnitt im Leben. Der Friseur gibt einem Kollegen im vollbesetzten Salon ein Zeichen und der beginnt zu singen. Andere Kollegen fallen ein und selbst die Kunden stimmen in den Gesang ein. 

Sicherlich war Minuten zuvor alles „wie immer“. Freundliches Geplauder, emsiges Haareschneiden, das Klingeln der Registerkasse. Und dann verändert ein kleiner Moment alles: Das drohende, ängstliche Weinen wich einem erstaunten, beinahe fröhlichen Gesichtsausdruck. Der Friseur  konnte schnell sein Werk vollbringen. 

Die Kraft der Gemeinschaft, die einen trägt, wurde deutlich spürbar. In jedem Gottesdienst, bei jedem Stadionbesuch, bei allen Demonstrationen gibt es diese Kraft. Immer dann, wenn Menschen zusammen sind, die an eine Idee glauben. Die sich auf einen gemeinsamen Weg gemacht haben. Die wertneutrale Bewertung kann sicher auch anders gedeutet werden. Nicht immer war eine Gemeinschaft ein Zeichen dafür, dass dabei auch etwas Gutes „herumkam“. Das lehrt uns die Geschichte und oft auch ein Blick in die täglichen Nachrichten.

Der Unterschied ist die Absicht, die dahinter steckt: Will Liebe verbreitet werden oder ist  eher an Hass und Spaltung gelegen? 

Nach dem Attentat in Würzburg begann – wie schon oft erlebt – ein Aufflackern von der Verbreitung von Rassismus und Häme, Vorverurteilung ein einem „alle über einen Kamm scheren“. Doch eine Kraft wurde immer stärker, wie der Bayerische Rundfunk herausfand: Menschen stellten sich gegen diesen Hass. Sie schrieben gegen rassistische Kommentare in den Sozialen Netzwerken. Sie stellten Blumen und Kerzen in die Würzburger Innenstadt. Sie bildeten Lichterketten gegen Fremdenhass und für Toleranz. Liebe, Freundlichkeit und Güte scheinen die Oberhand zu gewinnen. 

Wie im Friseursalon stehen Menschen füreinander ein. Sie haben die Kraft, sich in andere hineinzufühlen und wollen eine Situation zum Besseren wenden. Sie haben den Mut, Dinge verändern zu wollen. Im Friseursalon mag das einfacher sein, als sich einem eifernden Mob entgegenzustellen. Wer aber einmal die Kraft einer Gemeinschaft erlebt hat, wird sie nie mehr vergessen. Denn der hat erlebt, was sie alles verändern kann.