Der Geist weht, wo er will

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

aus Johannes 3,1–8

Du bist mir ein rechter Lausbub! Sie kennen alle solche Festlegungen. Schnell ist der Stempel drauf, etwas von oben herab und jemand mir nichts dir nichts in eine Schublade verpackt. Erwachsene manchen das nicht nur mit Kindern, wir machen das alle nur allzu gern. Wie oft bilden wir uns vorschnell eine Meinung und glauben zu wissen, was ist und was nicht? Nicht selten werden wir deswegen selbst von verblüffenden Einschätzungen unserer Gesprächspartner überrascht. In der Folge entstehen Missverständnisse, weil es an der Bereitschaft fehlt, offen aufeinander zu zugehen.

Ähnlich beginnt die Begegnung von Nikodemus mit Jesus. Geborgen im Schatten der Nacht wagt sich Nikodemus, Jesus heimlich aufzusuchen. Und kaum angekommen, fällt er mit der Tür ins Haus und knallt Jesus vor den Kopf, für wen er ihn hält: Du bist ein Lehrer, der große Dinge tut!

Sicher, Nikodemus meint es gut, trotzdem schiebt er, von sich selbst überzeugt, Jesus gleich in eine Schublade, in die er nicht will und in die er nicht passt. 

Alles dreht sich darum, was stimmt und was nicht, um die Wahrheit also. Aber in den meisten Fällen liegen die Sachverhalte nicht einfach auf der Hand. Insbesondere dann nicht, wenn es um uns Menschen geht. Wer bin ich und wer ist die andere, die mir gegenübertritt? Oder wie Jesus sagt, wann ist jemand noch dem Alten verhaftet, wann ist er neugeboren? 

Nicht zu Unrecht verweist Jesus in dem Gespräch mit Nikodemus auf den Heiligen Geist, der weht, wo er will. Vieles, was wir gerne für uns regeln und festlegen möchten, zerfließt uns unter den Händen, ist nicht zu fassen und schon gar nicht festzunageln. Es liegt in Gottes Hand und dessen Geist weht eben, wo er will. 

Darüber kann man sich jetzt aufregen. Ich halte das für zwecklos, weit geeigneter scheint mir, das, was ich nicht ändern kann, so hinzunehmen wie es ist. Könnte es nicht sein, dass sich dann neue Möglichkeiten zeigen?

Wenn ich mir klar mache, dass meine Versuche, mein Gegenüber einzuordnen, allenfalls Annäherungen sein können, jeder Mensch ein Geheimnis in sich birgt, dann sollte ich mich auf Überraschungen einstellen. Wie spannend könnten Begegnungen sich entwickeln, wenn wir uns offen halten für die vielen uns unbekannten Kanten und Ecken, die sich im Miteinander von uns Menschen zeigen?

Was sich mir im Gegenüber zeigt, trage ich selbst in mir. Gottes Geist wirkt in allen von uns, hält uns von der ersten Sekunde unseres Erdenlebens in Bewegung und gibt jedem Leben immer wieder höchst überraschende Wendungen. Wir kennen weder den nächsten Schritt noch das Ziel, wir wissen nur, Gottes Geist ist bei uns und er meint es gut. 

Natürlich schließt das Missverständnisse und Verletzungen nicht aus. Das gehört zu unseren eingeschränkten menschlichen Möglichkeiten. Wer sich aber für Gottes Geist offenhält und ohne große Vorfestlegungen auf andere Menschen zugeht, tritt mit Gottes Hilfe wie durch die Schleuse einer Geburt ein in eine neue Welt von geistlichen Schwestern und Brüder. 

Dekan Ivo Huber, Markt Einersheim