Buchtipp: Schelmenroman über Schahvisite in der Reichsstadt

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Leonhard F. Seidl im Rothenburger Kriminalmuseum
Leonhard F. Seidl liest vor der „Eisernen Jungfrau“.Foto: Kriminalmuseum

Wie die Romanidee Gestalt annahm

„Da konnte ich nur einen Schelmenroman schreiben“, so Leonhard F. Seidl über seinen neuen Rothenburg-Roman. Der „Besuch eines Kaisers in der Reichsstadt“ faszinierte ihn besonders: genauer gesagt die Stippvisite des damaligen Schahs Mohammad Reza Pahlavi mitsamt der bezaubernden Farah Diba an der Tauber im Sommer 1967. Wenige Tage später, am 2. Juni 1967, als das Herrscherpaar nach Berlin weitergereist war, kam es dort zu den denkwürdigen Demonstrationen gegen den Schah, die in der Ermordung Benno Ohnesorgs gipfelten.

Noch aber sind wir längst nicht so weit: Vor der Tragödie liegt die Posse. Denn der Rothenburger Bartholomäus König teilt sich in diesem Schelmenroman nicht nur seinen Geburtstag am 26. Oktober 1919 mit dem Schah, sondern sieht ihm auch zum Verwechseln ähnlich. Kein Wunder, dass er sich zum Doppelgänger berufen fühlt. 

Weitere Hauptrollen in diesem spritzigen Schelmenstück spielen die verwinkelten Gässchen der Rothenburger Altstadt, die lokale Historie von den 1930-er bis 60-er Jahren und ganz besonders das Kriminalmuseum. Denn dort hat Leonhard F. Seidl in diesem Jahr das Literaturstipendium zum hundertjährigen Bestehen des Museums in Kooperation mit der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad erhalten. 

Im Rothenburger Kriminalmuseum

Von den Schandmasken bis zur „Eisernen Jungfrau“ fehlt im Kriminalmuseum kein Handwerkszeug für die Schergen des persischen Geheimdienstes. Denn ihnen kommt die Verwechslung durchaus suspekt vor. Seidl aber war es ebenfalls wichtig, „die Folter nicht ins Lächerliche zu ziehen“, da er sich selbst etwa im PEN-Zentrum aktiv für verfolgte Kollegen in anderen Ländern einsetzt. Der 44-Jährige ist aktiv als Schriftsteller, Journalist und Dozent für Kreatives Schreiben – nachdem er zunächst als Krankenpfleger tätig gewesen war. Seit mehr als 20 Jahren ist er in Fürth heimisch.

Dennoch gewinnt die Farce zwischen König und zwei Geheimdienstlern in dem sonst verwaisten Kriminalmuseum an Fahrt, bei denen den Lesenden manches Mal das „Lachen im Halse steckenbleibt“, wie bereits Tanja Kinkel formulierte. 

Doch da gelingt es Bartholomäus König „das Ruder herum zu reißen“ – was sich dann leider weder am 2. Juni noch 1979 erfolgreich zu Ende führen ließ. „Zwischen Schein und Sein“ changiert der gesamte Schelmenroman. 

Und dies bereits in einer Spielszene des Romans um 1950. Da erwachen nämlich plötzlich die alten braunen Uniformen schon einmal zum Leben. Zwar nur für den zeitgeschichtlichen Film „Erwachen im Morgengrauen“, aber so täuschend echt, dass auch in dieser besonderen Szene die Grenze zwischen Realität und Spiel verschwimmt. Und besonders die Komparsen wirken mehr als echt. „Sie haben sie gut ausgewählt, Herr Regisseur“, so kommt ein ehemaliges Opfer des Dritten Reiches der Region zu Wort. „Es sind fast alle dieselben!“

Damit spiegelt Seidl gleichfalls einen entsprechenden Ausspruch Erich Kästners. Vieles doppelt sich in dem Schelmenroman: auch die zwei Erzählstränge streben von unterschiedlichen Seiten immer rasanter aufeinander zu. Beide sind akribisch recherchiert und durch vielfältige Anspielungen sowie Schlüsselwörter miteinander verwoben. Da zeigt sich auch die literarische Herkunft des Autors, der zunächst mehrere Krimis veröffentlichte: Er legt Spuren, mit denen die Lesenden spielerisch die Handlungsfährten entdecken können.

Informationen über Framing bei der Jüdischen Kulturwoche

Bereits zur Jüdischen Kulturwoche Le Chaim in Rothenburg hatte Leonhard F. Seidl informiert, wie sprachliches „Framing“ zustande kommt. In der Sprache der Rechtsextremen wird zum Beispiel mit Wörtern, die an Naturkatastrophen erinnern, Bedrohungsszenarien konstruiert, etwa „die Flüchtlingswelle“ oder „der Flüchtlingstsunami“, bei denen die Schicksale einzelner Flüchtlinge nicht mehr gesehen werden. Oder es werden bestimmte Denkformen benutzt wie „Wir und die anderen“, die Selbstinszenierung als Opfer oder der Vorwurf, dass man bestimmte Dinge nicht mehr sagen dürfe. Dabei wählt man Worte, die uneindeutig sind, so dass man sie im Zweifel bei Kritik wieder zurücknehmen kann. Seidel ging auch auf hebräische Worte in der Alltagssprache ein, die von Jüdinnen und Juden genauso verwendet werden wie „meschugge“ oder „Schlamassel“ und Worten, die Juden eher einen negativen Anklang beilegen wie „mischpoke“ oder „mauscheln“. Seidl empfahl, diese Wörter nicht zu verwenden und Framingversuche zu thematisieren.

Auch der „Falsche Schah“ ist nicht nur interkulturell, sondern auch sprachlich dicht ineinander verflochten. Der Autor spielt mit erkennbarem Vergnügen mit der Sprache und den hiesigen Dialekten: Das bleibt nicht nur bei dem fränkischen Dativ stehen.

Insgesamt verspricht dieses Buch spritzige und zugleich ein wenig schräge Lesefreude. So verkürzt es unterhaltsam, aber auch anspruchsvoll die langen Winterabende der Corona-Zeit. Damit weckt es die Lust auf neue Entdeckungen in der alten Heimat.

Leonhard F. Seidl: Der falsche Schah, Volk Verlag München 2020, 13,90 Euro,192 S., ISBN 978-3-86222-335-0.

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