Hoffnung gegen Hilflosigkeit

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Carmen Schöngraf mit Jessica auf dem Sportplatz in Grafton. Die Renovierung der Gebäude im Hintergrund unterstützte die ora-Kinderhilfe.Foto: ora

Was Carmen Schöngraf von der ora-Kinderhilfe zur Corona-Not in Sierra Leone erfuhr

Außer Paracetamol und einem Malaria-Medikament gibt es keine Behandlung.“ Die aktuelle gesundheitliche Situation in Sierra Leone fasst Carmen Schöngraf, Geschäftsführerin der ora-Kinderhilfe, mit diesem Satz zusammen.

Dreißig Stunden war sie unterwegs – nur für die Rückreise Anfang Dezember nach Berlin. Doch „wir haben gemerkt, wie die digitale Begleitung unserer Projekte dort an ihre Grenzen kam.“ So führte sie ihre erste Auslandsreise in diesem Corona-Jahr in eines der ärmsten Länder der Welt. Seit den Zeiten des Bürgerkrieges in dem Jahrzehnt nach 1991 bestimmen Armut, Krankheit und Perspektivlosigkeit das Leben dort. Die Ebola-Epidemie in den Jahren 2014/15 verschlimmerte zusätzlich das Elend dort.

Desolate medizinische Versorgung in Sierra Leone

Doch auch Ebola hat keineswegs zu einer besseren medizinischen Versorgung und einem professionelleren Umgang mit Epidemien für die gut sieben Millionen Menschen in Sierra Leone geführt. Zu wenig Ärzte oder Pflegende, zu wenig Kliniken – so zeigte sich die aktuelle Lage für die Geschäftsführerin der ora-Kinderhilfe. 

Schwangere Frauen und Kinder unter fünf Jahren sollten eine kostenfreie medizinische Behandlung bekommen – theoretisch. Ohne entsprechende Bezahlung registriere eine Klinik schon mal gar nicht die Hilfssuchenden. Das Anschauen der Patienten, die Behandlung oder Medikamentenausgabe – jeder Schritt koste extra. Wenn dann Menschen schon an Entzündungen sterben, die hier in Europa einfach heilbar wären, kann nur „Hexerei“ mit im Spiel gewesen sein. So bekam es Carmen Schöngraf erklärt.

Zu wenig Arbeit und Brot

Wenigstens entwickelte sich Corona dort nicht zum „Flächenbrand“. Die Ansteckungsquote liege „wohl im niedrigen einstelligen Bereich“, so Schöngraf. Allerdings werde durchaus getestet, das hätte ihr auch die deutsche Botschaft in der Hauptstadt Freetown bestätigt. Carmen Schöngraf selbst musste dies mehrfach während ihrer Fahrt über sich ergehen lassen. 

Trotzdem fuhr Sierra Leone mit einem strengen Lockdown von April bis September das wirtschaftliche Leben stark herunter. Viele Einwohner verdienen ihr Geld als kleine Händler oder mit Dienstleistungen – all das war nicht mehr möglich. Auf möglichst jedem Fleckchen Erde wachsen nun Nahrungsmittel, so Schöngraf. Doch sei es kaum noch möglich, Samen zu besorgen. Der Brotpreis sei über den Sommer auf das Vierfache gestiegen. 

Inzwischen können sich nur noch die Hälfte der Bevölkerung höchstens eine Mahlzeit pro Tag leisten, so beobachtete Schöngraf. „Die Menschen hungern und finden keine Arbeit. Beschneidung und Frühverheiratung sind weit verbreitet.“ Sieben von zehn Jugendlichen finden nach der Schule keine Arbeit. Schon die Ebola-Epidemie hat viele Kinder als Waisen zurückgelassen.

Unterstützung der ora-Kinderhilfe

Seit dem Ende dieser Epidemie 2016 leistet die ora-Kinderhilfe zusammen mit der lokalen Organisation „Village Community Development (VCD)“ Unterstützung. In Grafton, einem Vorort der Hauptstadt Freetown am Atlantik, besteht seit 2017 eine Bäckerei. Sie hilft jungen Frauen, sich in diesem Handwerk ausbilden zu lassen. Dazu erhalten sie ein Abschluss-Zertifikat – in Sierra Leone ein besonderer Bonus. So können sie später selbst für sich und ihre Familien sorgen. 

Die Bäckerei war ebenfalls während des Lockdowns geschlossen. Ora half mit Lebensmittelspenden und kleinen Zahlungen den Beschäftigten, die Corona-Zeit zu überbrücken. Erst seit Oktober konnten sie wieder arbeiten. Allerdings forderte der Eigentümer des Betriebs nun eine saftige Mieterhöhung. Schließlich ist Raum im Einzugsbereich der Hauptstadt mehr als knapp. Ungefähr 1,2 Millionen Menschen, also fast Jeder sechste Einwohner Sierra Leones, lebt dort. Dabei ist für die große Ausbreitung in den letzten Jahren wenig Raum zwischen Meer und Bergen.

Die Frauen verkaufen die Backwaren, gerade das beliebte Bananenbrot, an Passanten und auf Märkten. 2019 hat die Hilfsorganisation zusätzlich ein Café errichtet. Es dient als Treffpunkt für die Umgebung, konnte aber bislang noch nicht wieder öffnen.

Hilfen im Landesinneren von Sierra Leone

Von Freetown aus fuhr Carmen Schöngraf knapp 200 Kilometer nach Osten, zur drittgrößten Stadt Makeni mitten im Landesinneren. In dem Dorf „Three Miles“ – der Name beschreibt die Entfernung zu Makeni – engagiert sich die ora-Kinderhilfe. Die Eltern der ora-Patenkinder arbeiten auf einer Farm. Vor allem Gemüse und Erdnüsse pflanzen sie dort an, während ihre Kinder in der Grundschule und dem Kindergarten lernen. Die Ernte wird jeweils gedrittelt, beschreibt ora das Konzept: Ein Teil bekommen die Familien als Lebensmittel, ein Teil wird verkauft und die Mitarbeitenden damit entlohnt, ein Teil dient als neues Saatgut. Die Eltern lernen ökologische und moderne Anbaumethoden kennen, die sie auch auf ihren eigenem Stück Land anwenden können.

Neben der Kirche, die die Kinderhilfe errichtete und die auch als Versammlungsraum dient, konnte die Organisation 2019 eine Schule eröffnen. Die vier Klassen und die Kindergartengruppe sind nun zweizügig mit gut 140 Kindern in Betrieb. So fällt der bisherige Schulweg von acht Kilometern für sie weg.  

Damit die Schüler nach der Wiedereröffnung nach dem Lockdown besser voneinander Abstand halten können, errichteten die Dorfbewohner eine weitere Lehmhütte mit Wellblechdach. Auch die Kirche können sie für den Unterricht nutzen. Die Kinder erhalten gesunde Nahrung und Kleidung. Die medizinische Versorgung in Makeni wird gewährleistet. Ein Kiddies-Club, also eine Art Jugendschar, bringt die Kinder jeden Freitagnachmittag zum Spielen und zu einer Bibelgeschichte zusammen. Daran konnte auch Carmen Schöngraf teilnehmen.

Trotz Corona war dies ein besonderes Hoffnungszeichen für sie. Und ein wahrer Gegensatz zu einem trostlosen Fischerdorf, das sie ebenfalls besuchte. Denn dort will die ora-Kinderhilfe gegen die grassierende Mangelernährung angehen. Eine Frauengruppe soll für die Kinder kochen, ein Lehrer herkommen. 

„Allen Projekten ist gemeinsam, dass es ein ora-Patenschaftsprogramm für Kinder, Ermutigung für die Eltern und Einkommen schaffende Maßnahmen gibt“, erklärt die Kinderhilfe. Um das Projekt ausbauen und den Kindern sowie ihren Familien weiter helfen zu können, braucht es weitere Patenschaften. Susanne Borée

Online spenden unter https://www.ora-kinderhilfe.de/website/de/jetzt-spenden

Oder Spendenkonto: Postbank Frank- furt am Main, IBAN: DE33 5001 0060 0000 0506 09, BIC: PBNKDEFFXXX