Prägende Begegnungen des Dichters Paul Celan zu seinem 100. Geburtstag

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Paul Celan mit einer älteren Gedichtsammlung, einer beispielhaften Biografie und der neu herausgebrachten Suhrkamp-Gedichtsammlung.
Paul Celan mit einer älteren Gedichtsammlung, einer beispielhaften Biografie und der neu herausgebrachten Suhrkamp-Gedichtsammlung. Foto: Borée

Ungestillte Sehnsucht nach dem Licht

Von deinem Gott war die Rede, ich sprach / gegen ihn, ich / ließ das Herz, das ich hatte, / hoffen: / auf / sein höchstes, umröcheltes, sein / haderndes Wort –.“ Nach einem intensiven Gespräch mit Nelly Sachs, die in Schweden den Holocaust seelisch verwundet überlebt hatte, dichtete Paul Celan dieses 1960. 

Theo Buck zitiert diese Sätze in seiner Celan-Biografie zum 100. Geburtstag des Dichters. Am 23. November 1920 erblickte er als Paul Antschel das Licht der Welt – und zwar in Czernowitz in der Bukowina. Er kam aus einer jüdischen, deutschsprachigen Familie. Viele Dichter von Rose Ausländer bis zu Immanuel Weissglas entstammen damals demselben Ort. Bekanntheit erlangte er als Dichter der „Todesfuge“.

Auch wenn Celan sich selbst nicht als religiös verstand, so erscheinen doch viele Gedichte als Herzensgebete. Die Mystik faszinierte ihn. In seinem „Psalm“ heißt es: „Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, / … / Gelobt seist du, Niemand. / Dir zulieb wollen/ wir blühn. / Dir /entgegen.“

Gebrochenes Leben

Celans Heimatstadt Czernowitz gehörte bis 1918 zum Habsburgerreich und bei seiner Geburt schon zu Rumänien. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt besetzten die Sowjets Mitte 1940 seine Heimat. 1941 kamen rumänische und deutsche Truppen. Paul Celan überlebte im Gegensatz zu seinen Eltern und vielen anderen die Vernichtung. Die Sowjets kamen 1944 zurück. Sie schlugen die Bukowina der Ukraine zu. 1945 floh Celan nach Bukarest, 1947 nach Wien. 1948 erreichte er sein Ziel Paris.

Ebenso wie Nelly Sachs überforderte der Literaturbetrieb Paul Celan oft seelisch. Der erste öffentliche Auftritt Celans bei einer Tagung der „Gruppe 47“ im Mai 1952 war schon alles andere als einfach, wie die Biografen ausführlich darlegen. Zur Begrüßung bewunderte Toni Richter, die Frau des Gruppengründers Hans Werner Richter Celans „so perfektes Deutsch“. Das muss nicht unbedingt böse gemeint gewesen sein, kam der Neue doch von ferne her. Doch zeugt es bei ihm von ziemlicher Ignoranz. 

Auch über Celans Lesung senkten sie die Daumen: viel zu pathetisch. Richter soll gar gesagt haben, Celan habe „in einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge“. Das waren die intellektuellen Vorreiter ihrer Zeit. Doch die meisten Schriftsteller hatten erst wenige Jahren zuvor ihre Wehrmachtsuniform ausgezogen. 

Hingegen gab es nun Kontakte zu Verlagen. Allerdings ließ Celan fast die Hälfte seiner Gedichte zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlichen. Barbara Wiedemann dokumentiert in einer neuen kommentierten Suhrkamp-Gesamtausgabe nun zum Jubiläum alle Celan-Werke. Die Kommentare erfordern eine intensive Beschäftigung bei den Lesenden. Aber dort finden sich viele Werke, gerade aus seiner Frühzeit, die bislang unveröffentlicht waren oder nur in literarischen Zeitschriften in geringer Auflage erschienen. 

Es gibt dort auch einige Gedichte Celans auf Rumänisch, die er vor 1947 verfasste. Später erklärte der Dichter, nur in seiner Muttersprache Deutsch schreiben zu können. Und dies, obwohl er mindestens sechs Sprachen fließend sprach und seinen Lebensunterhalt oft als Über-setzer verdiente. Tragisch, dass
es gleichzeitig die Sprache der Nazis.  Auch diesen frühen, von Celan später verworfenen Gedichten, widmet Theo Buck in den ersten Kapiteln seiner Biografie besonderes Augenmerk. In seiner Dichtung konnte Celan diese Spannung produktiv nutzen. Doch zerriss es ihn zunehmend.

Begegnungen oft unter einem schwierigen Stern

Freundschaften zu Gleichgesinnten endeten oft schwierig. „Wir haben einander wehgetan – ich denke oft daran. Vielleicht ist es doch noch möglich, all das aufzuklären, aufzuhellen.“ So beginnt Paul Celan 1961 einen Brief nach langer Funkstille an Heinrich Böll, den er bei der „Gruppe 47“ kennen gelernt hatte.

Wolfgang Emmerich zitiert diese Sätze in seiner Biografie „Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen“. Vorgeworfen hatte er dem Kölner Kollegen, sich nicht genug für ihn eingesetzt zu haben. Dabei wehrte sich Böll gegen Attacken und war „tief begraben unter einer Lawine der Resignation, aus der ich langsam mich frei wühle“. Doch Böll war zeitweilig zwischen Lemberg und Czernowitz stationiert worden, worüber sie sich öfter austauschten. 

Zum westdeutschen Literaturbetrieb hatte Celan ein gespaltenes Verhältnis. Dies arbeitet Helmut Böttiger, gebürtig aus Creglingen, in „Celans Zerrissenheit“ heraus.  Eher ältere Dichter wie der seelenverwandte Friedrich Hölderlin, Rainer Maria Rilke oder Georg Trakl waren für Celan wegweisend.  

Martin Heidegger war eindeutig moralisch weniger integer und tiefer in die Nazi-Zeit verstrickt als Heinrich Böll. Und dennoch faszinierte er Paul Celan. Über ihr gemeinsames Interesse an Hölderlin näherte sich Paul Celan der Philosophie Heideggers an. Auch umgekehrt las Heidegger Celans Werke. 

1967 trafen sie sich und fuhren zu Heideggers Hütte in Todtnauberg. Hans-Peter Kunisch hat dem Tag in „Todtnauberg“ ein Buch gewidmet mit vielen Rückbezügen auf die Vergangenheit beider. Kunisch mischt authentische Quellen mit plausiblen, aber fiktiven Dialogen. Sein Spannungsbogen verflacht zunehmend. Doch Martin Heidegger kam der „Hoffnung, heute, / auf eines Denkenden / kommendes / Wort / im Herzen“ nicht nach, wie Celan anschließend poetisch formulierte. Dennoch folgten weitere Besuche bei Heidegger und Briefe.

Psychische Probleme Paul Clans

Schon da hatte sich Celans psychische Gesundheit deutlich verschlechtert. 1965 hatte er in einem Wahnzustand seine Ehefrau mit einem Messer töten wollen. Einfach war es sicher nicht, mit ihm zu leben. Celan verlor sich immer wieder in Seitensprüngen. Es gelang ihm nicht mehr sein Leben aufzuhellen, wie er einst Böll geschrieben hatte. „Lichtzwang“ heißt Celans letzter Gedichtband. Schon früher schrieb er: „Es ist ein Land Verloren, / da wächst ein Mond im Ried, / und das mit uns erfroren, / es glüht umher und sieht./ … / Das Eis wird auferstehen, / eh sich die Stunde schließt.“ Wohl in der Nacht zum 20. April 1970 stürzte sich Celan in den Fluss Seine. „Es überraschte mich nicht“, so der Sohn.

Literaturtipps

– Paul Celan: Die Gedichte. Neue komment. Gesamtausgabe. Hg. Barbara Wiedemann, Suhrkamp 2020, 1.262 S.; ISBN 978-3-518-47105-0; 34 Euro.

– Helmut Böttiger: Celans Zerrissenheit. 200 Seiten; Galiani-Verlag 2020; ISBN 978-3-86971-212-3; 20 Euro.

– Theo Buck: Paul Celan, Böhlau-Verlag 2020, 254 Seiten; ISBN 978-3-412-51955-1; 27,99 Euro.

– Wolfgang Emmerich: Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen. Wallstein-Verlag 2020; 400 Seiten; ISBN 978-3-8353-3606-3; 26 Euro.

– Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg. dtv-Verlag 2020; 352 S.; ISBN 978-3-423-28229-1; 24 Euro.

– Auf Youtube finden sich u.a.: die 3sat-Doku „Dichter ist, wer menschlich spricht“ auch mit Erinnerungen des Sohnes und viele Podcasts, etwa im SWR, oder Lesungen, etwa der Todesfuge.