Wie verloren Tiere ihre Seele?

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Leiter Markus Hirte präsentiert im Rothenburger Kriminalmuseum die neue Ausstellung „Tiere in der Rechtsgeschichte“.
Leiter Markus Hirte präsentiert im Rothenburger Kriminalmuseum die neue Ausstellung „Tiere in der Rechtsgeschichte“. Foto: Borée

Rothenburger Kriminalmuseum zeigt Ausstellung über „Tiere in der Rechtsgeschichte“

Hatten Tiere früher eine Seele? Exkommunizierte Heuschrecken oder gehängte Wölfe sprechen dafür. Was heute merkwürdig klingt, erschien den Menschen früherer Jahrhunderte durchaus vernünftig zu sein. Schließlich bedrohten die großen Räuber über Jahrtausende hinweg die Menschen, die ihnen fast hilflos ausgeliefert waren. 

Auch Mäuse, Heuschrecken oder Maulwürfe konnten Schrecken verbreiten. Sie konkurrierten um Nahrungsmittel. Fast immer in der Geschichte „hungerten 90 Prozent der Menschen“, so Markus Hirte, der Leiter des Kriminalmuseums Rothenburg. Er präsentierte die Ausstellung. „Hund und Katz – Wolf und Spatz. Tiere in der Rechtsgeschichte“. Sie gibt es zum hundertjährigen Bestehen des Kriminalmuseums in Rothenburg. Inzwischen sind 90 Prozent der Menschen satt.

Ungezieferplagen galten über Jahrhunderte hinweg als Strafen Gottes für menschliches Fehlverhalten. Gottesdienste oder Buß- und Bittgänge konnten da Abhilfe schaffen. Große Heuschreckenplagen wie aktuell in Ostafrika waren auch hierzulande besonders bedrohlich und galten als Vorboten des Jüngsten Gerichts. Priester und Obrigkeiten ermahnten zu Buße. Die Schädlinge wurden ganz offiziell gebannt, exkommuniziert oder verflucht. Selbst päpstliche Bullen versuchten ihnen Herr zu werden. Oder man verhandelte mit den Plagegeistern, dass sie woanders hinziehen sollten.

Auch Tiere galten als Rechtsbrecher. Umherstreunende Hunde oder Schweine konnten Kinder oder auch Erwachsene beißen und verletzen. Durchgehende Pferde richteten besonders viel Schaden an. Gerade, wenn Menschen zu Tod kamen, wurden nicht nur die Halter zur Verantwortung gezogen, sondern die Tiere selbst verurteilt und hingerichtet. Das konnte für die Besitzer billiger kommen als Schadensersatz, erklärt Markus Hirte. Und bereits in der Thora gab es entsprechende Bestimmungen. Bei solchen Verfahren erweckten Verteidiger, die für die Tiere sprachen, den Anschein eines alltäglichen Verfahrens. Für einen Tierprozess war es üblich „dem Tier für die Dauer des Verfahrens den Status eines menschlichen Angeklagten zu geben und ebenso mit ihm zu verfahren“, so Peter Dinzelbacher im Ausstellungskatalog. Er hat sich gerade mit der Mentalitätsgeschichte des Mittelalters beschäftigt. Sprachen die Menschen also früher den Tieren eine Seele zu. Oder spiegelt es Hilflosigkeit gegenüber den Naturgewalten?

Franz von Assisi zeigte besonderes Mitgefühl mit den Tieren, doch gibt es hier auch reiche spätere Ausschmückungen. Er predigte zu ihnen und besänftigte dadurch selbst den wildesten Wolf. Mit ihm gelang dem Heiligen sogar ein Vertragsabschluss, der allen Seiten nutzte.

Gleichzeitig sollten Tiere bei der Durchführung von Strafen helfen oder sie verschärfen – und dies längst nicht nur in den römischen Arenen zur Hatz auf Christen. Das geringe Ansehen der Tiere färbte auf den Verurteilten ab. Ehrenstrafen wie das Tragen von Hunden, Schandmasken in Tierform oder der umgekehrte Ritt auf einem Esel, bei dem der oder meistens die Verurteilte auf sein Hinterteil schauen musste, waren beliebt. Bis ins 20. Jahrhundert hielt sich der Brauch, dummen oder faulen Schülern Eselsohren aufzusetzen oder sie auf einem Holz-esel reiten zu lassen. Gerade Juden ließen sich durch Verbindung zur „Judensau“ verächtlich machen. 

Während der Pestzeit erkannten Menschen durchaus, dass die Erreger von Tieren übertragen wurden. Allerdings dachten sie oft eher weniger an die allgegenwärtigen Ratten als vielmehr an die teuflischen Katzen. Sie verjagte man – worüber sich leider die Ratten freuten.  

Die geistlichen Verfahren gegenüber Tieren verbreiteten sich dann seit dem 14. Jahrhundert und endeten zur Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert – nicht zufällig parallel zu den Hexenprozessen, so der Historiker Dinzelbacher. Das Verhältnis zu den Bedrohungen wandelte sich. Im Späten Mittelalter waren Schädlinge als Plage gesehen, die Hexen herbeigezaubert hätten. Immer noch irrational, so scheint es, aber nun ließ es sich durch dämonische Kräfte begründen. Hexen sollten auch Tiere als Beigaben für ihre Zaubertränke nutzen. Oder sie konnten sich selbst in Tiere wie Katzen, beseelt von Ketzern oder Teufeln, Ratten oder Eulen verwandeln, um in die Lüfte aufzusteigen oder in jeden Winkel zu gelangen. Hier schließt die Schau im Kriminalmuseum auch an ihren Vorgänger „Luther und die Hexen“ an. 

Als Gründe nennt Dinzelbacher die verschlechterten klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen dieser Zeit. „Gleichzeitig erweckte die nach der Rezeption des römischen Rechts rapide um sich greifende Verrechtlichung des Lebens die Hoffnung, mit Hilfe dieser Kulturtechnik sogar solche Krisen wie Schädlingskatastrophen beherrschbar zu machen. Dazu kamen die Vorgaben der christlichen Religion, nach denen alle Tiere ausdrücklich dem Menschen unterworfen waren, also, so schloss man, auch seinen Gesetzen.“ 

Offenbar verbreitete sich die Vorstellung, das schadensstiftende Tier sei von einem Dämon befallen, der nun in Wirklichkeit verurteilt wurde. Hatten nicht auch antike Götter sich in Tiere verwandeln können? Später führte man Tierverwandlungen auf ein Teufelsbündnis zurück. 

Bekannt ist der „Werwolf von Ansbach“, der 1685 erschlagen wurde. Er soll in Mittelfranken immer wieder Menschen getötet haben. Kurz zuvor war in Ansbach ein korrupter Beamter gestorben. Klar: Der Wolf hatte dessen Person angenommen. Nachdem man das wilde Tier erschlagen hatte, hängte man es mit Pappgesicht und Perücke an den Galgen. Durch die Aufklärung im 18. Jahrhundert geschah nicht nur ein rationalerer Umgang mit Tieren, sondern  auch ihre Versachlichung. René Descartes (1596–1650) sah Tiere als seelenlose Automaten.  

Keine Hexen oder Dämonen konnten schlimmer sein als Menschen. Das Pendel schlug in die entgegengesetzte Richtung zurück. Bald schon wurde auch anderen Menschen die Seele abgesprochen. Dem widersprach schon Jeremy Bentham (1748–1832), da Tiere durchaus Schmerzempfindung hätten. Dem widerspricht wohl heute niemand. Trotzdem leisten wir uns seelenlose Fleischfabriken. Die Ausstellung im Kriminalmuseum hält uns da einen Spiegel der Vergangenheit vor. 

Ausstellung zum hundertjährigen Bestehen des Kriminalmuseums in Rothenburg ob der Tauber ist derzeit täglich von 11 bis 16 Uhr zu sehen. Eine Ausweitung der Öffnungszeiten während des Sommers ist angedacht. Bitte informieren Sie sich aktuell online https://www.kriminalmuseum.eu oder telefonisch unter 09861/5359. Gleichnamiger Katalog, ISBN 978-3-8306-7989-9, 376 S., 19,95 Euro.