Krise brachte Familien in gemeinsames Boot

185
Familien- oder Paarberatung bietet Corona-Zeit auch Chancen.
Die Familienberatungsstelle im Diakonischen Werk in Bad Oeynhausen am 10.3.2009.

Für die Erziehungs- und Paarberatung bietet die Pandemie Chancen auf neue Perspektiven

Durch Corona aus der Krise? Einigen Paaren und Familien sei dies durchaus gelungen, so Elisabeth Rümenapf. Die Leiterin bei der Erziehungs-, Paar- und Lebensberatung der Stadtmission Nürnberg kann von einigen Beispielen berichten, bei denen die Ausnahmesituation gute Veränderungen bewirkt haben. „Einige Familien haben diese Zeit für sich genutzt“, weiß sie. Sie dachten nun nicht mehr über eine Trennung nach, sondern über Regeln und Freiräume, um ihre Beziehung neu zu gestalten. 

Etwa einer Familie, die Eltern Mitte 30, mit zwei Söhnen im Alter von zwei und sieben Jahren. Die Mutter war noch in der Erziehungszeit. Den Vater trieb die Pandemie wie so viele Menschen ins Homeoffice. „Da erlebte er erst einmal, was seine Frau leistet“, erklärt die Leiterin der Beratungsstelle. Die Ehepartner schmiedeten Pläne miteinander, wie sie die Krisenzeit angehen konnten. Einen Abend in der Woche hielten sie sich füreinander frei: Dann schauten sie zusammen Filme. Und: Immer öfter nutzten sie diese Zeit für Gespräche. 

Der Vater entwickelte eine neue Beziehung zu dem älteren Sohn, der in der ersten Klasse nun online beschult wurde. Es gab Zeiten, in denen er seine Frau entlasten konnte. Dann wieder konnte er die Zimmertür hinter sich schließen, um ungestört zu arbeiten. „Sie trafen sich wieder als Mann und Frau, nachdem sie zuvor nur noch als Vater und Mutter zusammen gewesen waren“, fasst Elisabeth Rümenapf zusammen. Und beide entschieden, unter diesen Voraussetzungen zusammen bleiben zu können.  

Die Beraterin kennt einige solcher Beispiele. Sicher führte diese Belastung der Corona-Krise auch dazu, dass sich Konflikte verschärften. Dazu hat die Technische Universität München (TUM) 3.800 Frauen online befragt, wie der Evangelische Pressedienst dokumentiert. 3,6 Prozent seien von ihrem Partner vergewaltigt worden. In 6,5 Prozent der Haushalte seien Kinder gewalttätig bestraft worden. Der Studie zufolge erlebten 3,1 Prozent der Frauen zwischen 18 und 65 Jahren zu Hause mindestens eine körperliche Auseinandersetzung wie etwa Schläge. 2,2 Prozent durften sogar ihr Haus nicht ohne seine Erlaubnis verlassen. In 4,6 Prozent der Fälle regulierte der Partner Kontakte der Frauen mit anderen Menschen, auch digitale Kontakte.

Die Zahl der Opfer körperlicher Gewalt stieg besonders deutlich, wenn sich die Befragten zu Hause in Quarantäne befanden. Auch wenn die Familie akute finanzielle Sorgen oder einer der Partner Depressionen hatte, in Kurzarbeit war oder den Arbeitsplatz verloren hatte, schlug das auf die gewalttätigen Auseinandersetzungen zu Hause durch. 

Diese Zahlen mit Umfragen aus der Zeit vor der Pandemie zu vergleichen, hielten die Forscherinnen nicht für aussagekräftig. Denn bisherige Studien hätten nach Gewalt-erfahrungen innerhalb längerer Zeiträume gefragt.

Soweit die Befragung. Durch die Krise gab es kaum noch Ausweichmöglichkeiten, sich auszuweichen. Gerade in nicht so üppig ausgestatteten Familien ist oft nur ein Computer vorhanden: Ihn mussten sich alle für die Schularbeiten, die Arbeit zu Hause und für kleine Fluchten teilen. Auch die Auszugsmöglichkeiten waren deutlich eingeschränkt. 

Allerdings gab es bis Ende April bei der Stadtmission deutlich weniger Kontaktanfragen von „Neuen“, die eine Beratung suchten. „Doch das normalisiert sich gerade wieder“, so Elisabeth Rümenapf. „Viele Probleme waren aber schon da, doch wurden sie virulenter“, fährt sie fort. Vorhandene Beratungen ließen sich weiterführen. 

Aber viele Familien fanden in der Krise neue Wege, wie Elisabeth Rümenapf beobachten konnte. Sie kennt auch weitere positive Beispiele. Manche Familien haben gar alte Gesellschaftsspiele vom Dachboden geholt. Die Sorge um die Großeltern oder um Verwandte, die zur Risikogruppe gehörte, vereinte sie.

Auch für die Beratungsstelle der Stadtmission wies die Pandemie neue Wege. Denn telefonisch war es für die Beratenden einfacher, Einzelgespräche zu führen. So konnten sie jeder und jedem Verständnis und Empathie entgegenbringen, aber auch Tipps anbringen. Oder sie konnten Empfindungen der Partner noch einmal mit anderen Ausdrucksmöglichkeiten spiegeln. 

Wenn ein Streit eskaliert, dann braucht er dringend eine Pause, das wissen Elisabeth Rümenapf und ihre zwölf Kolleginnen und Kollegen genau. Die Beratungskräfte, die aber oft in Teilzeit arbeiten, haben sich während der Corona-Krise in zwei Gruppen aufgeteilt. So konnten sie sich auch direkt miteinander austauschen. Denn das ist ihnen auch ganz wichtig: In anonymisierter Form besprechen sie ihre Beratungen. So können die anderen noch eine Idee aus einem weiteren Blickwinkel hinzufügen oder Ideen weiterreichen.

Inzwischen konnten sie von der telefonischen Beratung wieder weitgehend auf direkte Gespräche umstellen. „Unsere Gruppenräume haben eine ausreichende Größe“, so Rümenapf. Sie lassen sich je nach Bedarf für verschiedene Beratungen einsetzen. Ein Outlook-Kalender half bei der Organisation von Terminen und der Vergabe der Räume. 

Wichtig ist es der Stadtmission, zusammen mit der Familie oder dem Paar Rezepte oder Regeln zu entwickeln, mit deren Hilfe sich Konfliktsituationen entschärfen lassen. „Da sollen die Ideen nicht nur von uns kommen, sondern für die Familien passen“, so die Leiterin.

Es geht nicht darum: Wer hat Schuld? Oder: Das klappt ja eh nicht! Sondern Kompromisse sind gefragt: Ich mache dies, und du das. Und gar nicht so leicht zu beantworten ist die Frage: Wie finde ich das, was ich selbst will?

Elisabeth Rümenapf berichtet da noch beispielhaft von einer alleinerziehenden Mutter mit zwei pubertierenden Mädchen im Alter von 14 und 16 Jahren. Gerade mit der jüngeren Tochter gab es Probleme. Fast täglich eskalierte der Streit, ohne konstruktive Regeln zu schaffen. Zu Beginn der Pandemie sagte die Mutter: Ich schaffe das nicht mehr!

Langsam gelang es ihnen nun, Möglichkeiten zu finden, wer wann welche Arbeiten im Haushalt übernahm. Sie regelten genau, wer wann abends einen Fernsehfilm bestimmen durfte – wobei die beiden anderen eingeladen waren, hinzu zu kommen. „Und es gelang der Familie sogar wieder, zusammen zu essen“, ergänzt die Leiterin der Beratungsstelle. Das hatten sie vor Corona schon längst miteinander aufgegeben – jede hatte zu den Essenszeiten irgendein unaufschiebbares Programm vom Sport bis hin zum Musikunterricht. Nun aber setzte sich das Gefühl durch: Wir sitzen zusammen in einem Boot.

Kontakt zur Erziehungs-, Paar- und Lebensberatung, Rieterstr. 23, Nürnberg, Tel. 0911/352400, E-Mail: eb@stadtmission-nuernberg.de, mehr unter www.stadtmission-nuernberg.de