Andacht: Ein Herz und eine Seele

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

Aus Apostelgeschichte 4, 32–37

Ein Herz und eine Seele: Eine junge Familie kauft für die Nachbarin mit ein, die gerade in Quarantäne ist. „Wenn du was brauchst – melde dich!“, hört sie immer wieder von den unterschiedlichsten Seiten. Manche organisierte Nachbarschaftshilfe hat gerade viel mehr Menschen, die ihre Hilfe anbieten, als solche, die Unterstützung brauchen. Es wird aufeinander geachtet – in der Familie, in der Nachbarschaft und auch über den persönlichen Bekanntenkreis hinaus. 

Ein Herz und eine Seele: So lebten auch die ersten Christinnen und Christen zusammen, erzählt unser Predigttext. Das klingt einfach perfekt! Zu perfekt? Ich werde misstrauisch, wenn ich so etwas lese. Meist gibt es eine Kehrseite. Sicher hatten auch die ersten Christinnen und Christen Streit. Und richtig! Nur ein paar Verse weiter werde ich fündig. Auch damals gab es Auseinandersetzungen. Der Bibeltext stellt uns ein Idealbild vor Augen: So könnte das Miteinander aussehen. 

Die Kehrseite erlebe ich auch heute: Bei wochenlanger ungewohnt großer Nähe in der Familie und Nachbarschaft kommt es schon mal zu einem Lagerkoller. Die Nerven liegen blank. Da reichen dann Kleinigkeiten bis Türen knallen: „Kannst du nicht einmal …“. Manche sind zu Hause auch viel Schlimmerem ausgesetzt. 

Schon vor Corona gab es „ein-Herz-und-eine-Seele-Momente“ eben-so wie Zeiten, in denen die Nerven einfach blank lagen. Beides scheint aber gerade mehr in den Fokus zu rücken. Corona wirkt im Moment wie ein Brennglas. In der Familie und Nachbarschaft, aber auch in der Gesellschaft.

Da werden Polizisten angegangen, wenn sie versuchen, grundlegende Corona-Regeln durchzusetzen, um Dritte zu schützen. Die Argumentation: Durch die getroffenen Maßnahmen sind Demokratie und Freiheit in Gefahr. Darum leisten wir Widerstand, setzen uns über alle Regeln hinweg! Klar, nicht alles ist im Moment nachvollziehbar. Wie schnell jedoch Leichtsinn zu Infektionen führt, haben wir jetzt mehrmals mit ansehen müssen.

Für ein gutes Miteinander müssen wir arbeiten. Ein Herz und eine Seele sein – das kann für mich jedoch nicht heißen, dass es keine verschiedenen Meinungen mehr geben darf. Dann ist die Demokratie nämlich wirklich in Gefahr. Zum Glück können hierzulande Meinungen frei geäußert werden. Verschiedene Positionen werden diskutiert und abgewogen: Was wollen wir tun, was lassen? Wo schränken wir uns bewusst in unserer Freiheit ein, um einander zu schützen? 

Gottes Welt ist bunt. Dass Menschen Ecken und Kanten und viele verschiedene Meinungen haben, gehört dazu. Nerven können bis zu einem gewissen Grad auch blank liegen und trotzdem ist das Miteinander nicht gefährdet. Ja, manchmal fällt es mir schwer, andere so stehen zu lassen, wie sie sind. Ihre Standpunkte sind für mich einfach nicht nachvollziehbar oder viel zu weit weg von meinem eigenen. Doch selbst dann können wir ein Herz und eine Seele sein: Indem wir uns gegenseitig achten und wenn nötig dem Weg gehen.  

Ein Herz und eine Seele zu werden ist Ziel, Wunsch und Arbeit zugleich. Dass sich ein besonderer „ein-Herz-und-eine-Seele-Moment“ einstellt, liegt dabei nicht allein in unserer Hand. Solche Momente sind ein Geschenk. Dennoch können wir Einiges dazu beitragen, diesem Geschenk den Weg zu bahnen – auch und gerade jetzt. 

Pfarrerin Manuela Urbansky, Unterschleißheim