Andacht: Ein Bild, das Mut macht

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Andachtsbild für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Von einem Hoffnungsbild will ich sprechen. Von einem Bild, das uns Mut machen kann in diesen besonderen Zeiten. 

Es ist Morgen. Ich sehe den Himmel vor meinem Fenster. Die Sonne blitzt durch die Wolken. Endlich hat es geregnet. Der Verkehrslärm ist seit einiger Zeit wieder etwas stärker geworden. Aber der Spielplatz wird auch heute den ganzen Tag leer bleiben. Und im Kindergarten hinter der Kirche sind nur ganz wenige Kinder. Einige meiner Freunde haben Angst um ihren Betrieb. Die Konfirmationen, die wir an diesem Wochenende gefeiert hätten, sind abgesagt. Einiges ist richtig mühsam geworden, an anderes habe ich mich gewöhnt.  

Und da mitten hinein in mein Nachdenken höre und lese ich die Worte von Jeremia:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel einen neuen Bund schließen. … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren
Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 

aus Jeremia 31, 31–34 

Ein neuer Bund, das Gesetz Gottes, sein Lebenswille für uns – direkt in unser Herz geschrieben. Und wir werden sein Volk sein, er unser Gott, und alle werden ihn erkennen. Gott malt uns ein Bild vor Augen, das weit über unsere Menschenbilder hinausgeht. Ein Hoffnungsbild. Ich höre und lese: Das also ist Gottes Blick auf unsere Welt, das ist seine Überzeugung, so soll unsere Zukunft aussehen. Er sieht mich neu und hat Lebenskraft-Gedanken für mich und meine Beziehung zu den Mitmenschen. Er entwirft ein Bild von mir, das größer ist, als ich es von mir selbst habe, und schöner und intensiver. Er möchte mich dazu herauslocken, in dieses Bild hineinzuwachsen.

Der Maler Gustav Klimt hatte einen Auftrag bekommen. Er soll die Baronin Sonja von Knips malen. Äußerlich gesehen war sie keine Schönheit. Sie war von einem harten Leben gekennzeichnet. Ein Foto aus diesen Jahren zeigt sie als unglückliche, teilnahmslose Frau, ohne Ausstrahlung. Klimt malte und malte. Er malte das Bild einer fröhlichen, charmanten, bezaubernden, aufrechten Frau, die aber eindeutig Sonjas Züge zeigt. Klimt hatte sie nur mit einem anderen Blick betrachtet.

Und was ist dann passiert? Sonja hat jetzt tagtäglich das Bild gesehen, das Klimt von ihr gemalt hat. Es hing in ihrer Wohnung in Wien. Und zehn Jahre später war sie der liebenswerten Frau auf dem Gemälde ähnlicher als der verbitterten Frau auf dem alten Foto. Sonja hatte sich zu einer strahlenden Persönlichkeit entwickelt. 

Ich stelle mir mit meiner menschlichen Vorstellungskraft vor, dass Gott auch diesen „Klimt-Blick“ auf mich wirft. Er entdeckt etwas, das noch nicht da ist. Er entdeckt die Schönheit seiner Menschenkinder, die noch keiner sieht. Er entdeckt Liebe, wo noch Wüste ist. Er macht den ersten Schritt und entwirft ein Bild von meinen Mitmenschen und mir: „Sie sollen mich alle erkennen, Klein und Groß“. 

„Erkennen“ ist im Hebräischen ein wunderschönes Wort. Es wird verwendet, wo zwei ihr Liebe zueinander entdecken, wo sie sich danach sehnen, eins zu werden. 

Gott malt mit seinem Klimt-Blick ein Hoffnungsbild von mir. Sein Bild trägt den Titel: Ich erkenne Liebe und Schönheit in dir. Und wenn ich mag, fange ich an, mit dem Klimt-Blick ähnliche Hoffnungsbilder von meinem Nächsten zu malen. Sie sind ganz bestimmt Corona-resistent. 

Pfarrer Christoph Böhlau, Eichenau