„Gelernt, mit den Evakuierten zu fühlen“

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Maschinenschriftliche Aufzeichnungen des Pfarrers Julius Kelber und Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der Stadtpfarrkirche Treuchtlingen 1957 mit seinen Erinnerungen. Foto: Borde
Maschinenschriftliche Aufzeichnungen des Pfarrers Julius Kelber und Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der Stadtpfarrkirche Treuchtlingen 1957 mit seinen Erinnerungen. Foto: Borde

Der Treuchtlinger Pfarrer Kelber half nach 1945 besonders Flüchtlingen und Vertriebenen

Mit besonderer Fürsorge für die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge engagierte sich kurz nach Kriegsende vor 75 Jahren der Treuchtlinger Pfarrer Julius Kelber. Als „Exulant“ in den letzten Kriegsmonaten – noch von den Nazis vertrieben – habe er „gelernt, mit den Evakuierten und Flüchtlingen zu denken und zu fühlen“. Am damaligen Knotenpunkt des Treuchtlinger Bahnhofs sah er nach 1945 fast täglich die Gestrandeten. Er soll ein „überlegter und überlegener Organisator praktischer Nächstenliebe“ gewesen sein, so würdigt ihn seine Gemeinde heute noch. 

Schon vor 1933 war der Blick von Julius Kelber (1900–1987) weit über einen örtlichen Horizont hinausgegangen. Er engagierte sich von 1924 bis 1933 im Landesverband der Inneren Mission. Dort trieb er die Arbeit der damals hochmodernen Evangelischen Bildkammer voran. Dies hat Thomas Greif vom Diakoniemuseum Rummelsberg in der Ausstellung „Feldlazarett & Wanderkino. Die Innere Mission in Bayern zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik“ 2018 gezeigt.

1939 kam Julius Kelber als Stadtpfarrer nach Treuchtlingen. Bald nach Kriegsbeginn geriet er in Konflikt zu den politischen Autoritäten. In seinen Predigten hatte sich Kelber gegen die Euthanasie gewandt. Daraufhin wurde ihm die Ausübung des Religionsunterrichts an den Treuchtlinger Schulen verboten. Seine „Stalingradpredigt“ vom 4. April 1943 nahm die Gestapo zum Anlass, ihn immerhin ein gutes Jahr später, am 16. Mai 1944, „für immer“ aus Treuchtlingen auszuweisen. Es ging zunächst darum, ihn zur Wehrmacht einzuberufen oder in den Reichsgau Wartheland an der polnischen Grenze zu versetzen. Aber schließlich wurde er von seiner Kirchenbehörde in die verwaiste Gemeinde Plech in der Fränkischen Schweiz beordert. Seine Familie verblieb in Treuchtlingen. 

So stellt es Julius Kelber in einem Bericht vor seiner Gemeinde vom 3. Juni 1945 selbst dar. Den Bericht ließ er auch in der Festschrift zum 200. Jubiläum der Stadtpfarrkirche Treuchtlingen 1957 veröffentlichen. Diese Erinnerungen Kelbers ergänzen eine maschinengeschriebene Pfarrchronik, die sein Sohn Ernst
Kelber dem Sonntagsblatt zur Verfügung stellte.   

Nach der Bombardierung Treucht-lingens im Februar 1945 hatte Julius Kelber dort schon heimlich nach der Familie gesehen. Und Anfang April 1945 kehrte er auf eigene Initiative an die Altmühl zurück. 

Am 24. April 1945 erlebte er dort den Einzug der Amerikaner. Am Abend zuvor hatte er mit einem Kirchenvorsteher die Zündschnüre von der verminten Altmühlbrücke abmontiert. Die Wehrmacht wollte sie noch sprengen. Und dies, obwohl der Fluss damals so wenig Wasser führte, dass er nach Erinnerung Kelbers mit dem Fahrrad passierbar war. Gleichzeitig lief über die Brücke die städtische Wasserversorgung. 

Handfestes Engagement

Sofort nach dem Ende der Kämpfe betätigte sich der Pfarrer selbst als Dachdecker, um die größten Kriegsschäden an den Dächern der Kirche, des Pfarrhauses und des Vereinshauses mit eigenem körperlichem Einsatz zu beseitigen.  

Nahrungsmittel ließ er in Treuchtlingen schon seit 1945 für Bedürftige sammeln. Das weitete sich dann für die Neubürger schnell aus. Der Kirchliche Suchdienst nahm von Anfang an großen Raum ein. Schon 1945 meldeten sich „viele Pfarrer aus dem Osten bei uns, als Flüchtlinge wollten sie unterkommen – und wurden abgewiesen“, so notierte Julius Kelber in seinen Erinnerungen. Und dies, obwohl noch viele bayerische Pfarrer in Kriegsgefangenschaft seien oder suspendiert wären. 

Anfang Januar 1946 erlebte Kelber „die ersten Rücktransporte der ausgewiesenen Deutschen aus der Tschechei und Ungarn.“ Es gab schon einen ersten Überblick über das Ausmaß der Not: „Eine grosse Not und Schwierigkeit kommt für uns und alles: 2¼ Millionen Flüchtlinge müssen untergebracht werden, davon 540.000 in Ober- und Mittelfranken. Die Flüchtlingskommissare arbeiten fieberhaft, Wohnungen werden durchgesehen, für 2 Personen darf nur ein Zimmer bewohnt werden. Wir rüsten auch in der Bahnhofsmission dafür: Eine Baracke mit 2 Kesseln soll aufgestellt werden (à 300 l).“ Julius Kelber half mit seiner Gemeinde in besonders großem Maßstab. Die Bahnhofsmission betreute bis 1950 rund 150.000 Bedürftige. Darunter waren viele Neubürger, aber auch ein Drittel heimkehrende Soldaten. 

An die große Volksküche im Gemeindehaus erinnert sich auch Helga Schmidt, Sonntagsblatt-Leserin in dritter Generation. Frauen aus der Gemeinde waren dort für die Bedürftigen aktiv. Vor genau 70 Jahren konfirmierte Kelber sie. Später traute er sie auch. Trotz seiner vielen Aufgaben war der Pfarrer auch aktiv in der Gemeinde, das ist ihr wichtig.

Um den Mangel an Wohnungen zu beheben, ließ Julius Kelber gleich neue Häuser errichten. Auf seine Initiative hin entstand das Evangelische Siedlungswerk in Treuchtlingen. Dieses errichtete in den 1950er Jahren allein 65 Wohnungen in 17 neu gebauten Häusern. Der Pfarrer arbeitete ebenfalls eng mit dem Nürnberger Evangelischen Siedlungswerk zusammen. Ferner betreute er ehrenamtlich die Gehörlosengemeinde zwischen Ingolstadt und Ansbach 25 Jahre lang mit Gottesdiensten und Amtshandlungen. 

Einige Aktivitäten des Jahres 1946: Im März fand ein erster Flüchtlingsabend mit Informationen zu Hilfen und zur Arbeitsvermittlung statt. Alle sechs Wochen gab es Lebensmittelsammlungen. Eine „Werkstube für Kriegsversehrte“ entstand und wurde ausgebaut. Weihnachten folgte eine Sammlung, um Flüchtlingen einen Gabentisch zu bereiten. Alleinstehende kamen zur Feier in Familien. 

Bis 1949 engagierte sich Elisabeth Plesch als „Flüchtlingsfürsorgerin“, später Mathilde Murmann. Aus dem Evangelischen Hilfswerk entstand Anfang 1951 der „Verein für Innere Mission Pappenheim und Weißenburg mit dem Sitz in Treuchtlingen“ – unter dem Vorsitz von Julius Kelber. Mathilde Murmann besuchte die Bedürftigen mit dem Fahrrad. Sie vermittelte Kontakte zur Gemeinde, Behörden oder sozialen Einrichtungen. Nach zwei Jahren gab es ein Moped für Dienstfahrten, nach vier Jahren ein Goggomobil – ein damaliger Kleinstwagen.

1965 erhielt Kelber das Ehrenbürgerrecht Treuchtlingens und ein Jahr später das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Bereits von Juli bis September 1950 war er in die USA eingeladen. Auch dorther hatte er intensiv Care-Pakete für seine Region organisiert – „im Dienst unserer Kirche und Gemeinde, im Dienste des Friedens und der Verständigung der Völker und besonders im Reiche der Kirche“.