Andacht: Worte wie Frühlingsluft

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Susanne Borée, Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. … Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.


aus Johannes 15, 1–8

Es ist Frühling. Die Natur blüht und sprießt. Neues Leben erwacht. Ich finde den Frühling wirklich schön. Alles verändert sich. Blumen kommen ungefragt aus dem Boden und verzieren meinen Garten. Einfach wunderbar! Für mich ist dieses Blühen außerdem ein Symbol für die Auferstehung: So wie jedes Jahr neues Leben hervorkommt, so ist auch uns Menschen verheißen, einmal auferweckt zu werden. Welch ein Segen!

Aber auch im Alltag wünsche ich mir dieses „Neu-Werden“. Mir geht es beim Joggen oder Spazierengehen in der Natur so: Die Beine und Arme werden wieder locker. Neues Leben fließt dann nicht nur durch Blumen und Bäume, sondern auch durch mich. Gott ist Schöpfer und Neu-Schöpfer. Was mich lebendig macht, nehme ich dankbar aus seiner Hand. Ich darf täglich neu werden.

Ich spüre, wie sich die Natur mit mir verbindet: der Duft nach einem Regenguss, der Geruch eines Waldstückes oder von frisch geschnittenem Holz. Ich atme etwas davon ein, lasse die erfrischende Luft in mich hinein.

„Ihr in mir und ich in euch“, so formuliert es Jesus. Er spricht vom Weinstock und den Reben, die ja untrennbar zusammengehören und miteinander verbunden sind. Jesus fordert uns auf: Bleibt doch in mir! So werdet ihr versorgt mit allem, was nötig ist, und bringt gute Früchte.
Und – das zeigt ja das Bild vom Weinstock besonders deutlich – er bleibt auch in uns. Es ist ein gegenseitiges Durchdringen und ineinander Bleiben. Jesus bleibt in uns. Beide – wir und Jesus – bleiben ineinander. Es ist kein einseitiges, hilfloses Klammern. Im Gegenteil: Ich verstehe es wie Ein- und Ausatmen, wie etwas Zusammengehöriges und Sich-Ergänzendes. Ich bin nicht allein, sondern mit Jesus verbunden, werde inspiriert, erfrischt und erneuert.

Erfrischt durch seine Worte. Es sind Worte wie die von der Liebe, wenn Jesus sagt: Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst. Oder Ermutigung: Dein Glaube hat dir geholfen. Und schließlich die Verheißung: Ihr werdet bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

In Zeiten von Corona bekomme ich täglich aufmunternde Nachrichten – auf WhatsApp, Instagram oder Facebook. Die lassen mich morgens schon gut in den Tag starten. Viele, die da schreiben oder sprechen, sind verbunden mit Jesus und lassen sich ebenfalls aufbauen und stärken durch seine Worte.

Die Worte Jesu einatmen wie kühle, frische Luft: Das geht eben auch durch die Verbindung zu anderen über mein Smartphone. Aber genauso, indem ich die Bibel in die Hand nehme, einen Text daraus lese oder einen Vers meditiere. Jesu Worte höre ich auch im Gottesdienst – in diesen Corona-Zeiten eher online oder im Fernsehen.

Auf diese Weise gehen seine Worte „in mich hinein“. Und meine Worte kehren im Gebet zu ihm zurück. Gottes Wort Lesen und Hören ist wie Einatmen. Zu Gott Beten ist wie Ausatmen. Die erfrischenden Worte Jesu durchdringen mich. Und diese Frische gebe ich ganz automatisch an mein Umfeld weiter. Es sind die guten Früchte, die aus der Verbindung mit Jesus Christus entstehen: Liebe weitergeben, hilfsbereit für andere da sein – gute Frucht bringen.

Ich merke: Die Verbindung zu Jesus Christus macht mich immer wieder neu. So wie der Frühling die Natur erneuert und ich die frische Frühlingsluft ein- und ausatmen darf.

Pfarrer Christof Meißner, Langenaltheim