„Welt als Geschenk Gottes neu verstehen“

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Verteilung von Brot durch Gemeindemitglieder in Aleppo. Foto: GAW
Verteilung von Brot durch Gemeindemitglieder in Aleppo. Foto: GAW

Das GAW unterstützt evangelische Diasporakirchen besonders engagiert in der Krise

Lieber am Virus sterben als am Hunger …“. Dieser Satz beschreibt die verzweifelte Lage in Venezuela. Medikamente und Lebensmittel kauften sich Venezolaner bis vor Kurzem in Kolumbien. „Nun ist die Grenze wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Selbst in Krankenhäusern fehlt oft fließendes Wasser. Tests auf das Coronavirus und Schutzkleidung für Ärzte und Pfleger sind absolute Mangelware.“ Das ökumenische Medizinzentrum „Acción Ecumenica“ in Caracas versucht bei der Versorgung zu helfen. Im Straßenkinderheim werden dringend Lebensmittel benötigt für die 22 Jungen, die die lutherische Gemeinde in Valencia betreut.

So weit der Bericht der Partnerkirche aus Venezuela, mit denen das Gustav-Adolf-Werk in Leipzig zusammenarbeitet. Die Lutherische Kirche in Kolumbien ihrerseits hilft engagiert den Flüchtlingen aus Venezuela, denn durch „die bestehende Ausgangssperre ist ihre Existenz bedroht, da Sie keinerlei Staatsgelder mehr in Anspruch nehmen können.

„Als evangelisches Hilfswerk machen wir uns Sorgen, wie in unseren Partnerkirchen die Seelsorge und Diakonie trotz der Coronakrise fortgesetzt werden kann“, betont Enno Haaks, Generalsekretär dieses Diasporawerkes der Evangelischen Kirche (GAW). Er fährt fort „In Ländern wie Griechenland oder Italien erhalten die Gemeinden ihre Einnahmen durch die Kollekten und Spenden. Wenn diese nun wegbrechen, können keine Pfarrgehälter, Telefonkosten oder Strom gezahlt werden. Das bedroht das ganze System der Seelsorge.“ In Portugal etwa lebt ein Teil der acht Pfarrer der Partnerkirche von der Vermietung kircheneigener Räumlichkeiten an Läden – die nun geschlossen sind.

Bedingt durch die Krise können gerade kleine evangelische Kirchen ihren diakonischen Einsatz nicht mehr ohne Hilfe von außen fortsetzen. Sie leisten dennoch oft umfangreiche Arbeit: Sie organisieren Pflegedienste, verteilen Lebensmittel an Hilfsbedürftige. Dies auch etwa in Spanien unter den Beschwernissen der Ausgangssperre.

Neben der Lombardei spitzt sich die Lage in Süditalien weiter zu. In Neapel tragen die Waldenserkirche und die Evangelisch-Lutherische Kirche (ELKI) ein Krankenhaus mit. Es liegt in einem der ärmsten Stadtteile. Dort fehlt es an allem, so Dekan Heiner Bludau von der ELKI: etwa an Lungen-Beatmungsgeräte, P3-Masken und weiteren Schutzvorrichtungen. Mit 158 Betten und 450 Mitarbeitenden werden jährlich etwa 13.000 Patienten aufgenommen und 50.000 Patienten in der Notaufnahme behandelt. Das GAW unterstützt es zusätzlich mit 10.000 Euro.

Neue Angst in Aleppo

Auch die armenisch-evangelische Bethelgemeinde in Aleppo unterhält eine Poliklinik. Sie entstand nach dem Ausbruch des Krieges, da die allgemeine Gesundheitsversorgung im Land zusammengebrochen war. Die weltweite Pandemie ist für das Bürgerkriegsland eine zusätzliche Last. Es gibt keine Statistiken über die Infizierten. Die Angst ist aber groß sich anzustecken. Die ersten Fälle liegen schon längere Zeit zurück. Die Poliklinik muss sich auf diese besondere Notlage einstellen.

Zurück von unserer kleinen, wenig erbaulichen Weltreise nach Lateinamerika: Noch Mitte April wütete vor Ort das Dengue-Fieber tödlicher als Corona. Dies beschreibt Pfarrerin Sonia Skupch von den Iglesia Evangélica del Rio de la Plata (IERP), zuständig für Argentinien, Paraguay und Uruguay, in einer Mail. „Doch gelten soziale Distanzierungs-, Quarantäne- oder Isolationsmaßnahmen. Es gibt eine totale Ausgangssperre.“ Das geschah sehr früh, „um eine massive Ansteckungswelle zu verhindern, da unser Gesundheitssystem zusammenbrechen würde.“

Seit dem 14. März sind auch dort Aktivitäten, Treffen und Gottesdienste vollständig ausgesetzt. „Durch soziale Netzwerke haben wir jedoch kreative neue Formen entwickelt, um trotz der Isolation in Gemeinschaft zu bleiben. Es ist wirklich erstaunlich was alles Neues entstanden ist und wie viel Akzeptanz es auch hat.“ Es gibt regelmäßig digitale Gottesdienste, Gesangstunden und das Erzählen von biblischen Geschichten für Kinder. „Nach der Quarantäne werden wir überlegen, welche neu entwickelten geistlichen Impulse und Seelsorgeformen wir weiterhin so beibehalten wollen.“

Die Pflege- oder Seniorenheime brauchen weiterhin besondere Unterstützung. Gleichzeitig hat die Kirche „in den verarmten Vierteln des Großraums Buenos Aires dank einer besonderen Kollekte und einer in der ganzen Kirche gestarteten Lebensmittelspendenkampagne mit der Verteilung von Lebensmitteln begonnen. Viele unserer Gemeinden haben ihre Räumlichkeiten
als mögliche Isolationsräume angeboten. Bemerkenswert sind auch die Initiativen einiger Frauengruppen, die Mundschutzmasken für Menschen in Pflegeheimen anfertigen.“

Insgesamt macht sich Angst breit, dass sich die soziale Krise vertiefen wird. Rund 40 Prozent der argentinischen Bevölkerung lebt von dem täglichen Einkommen durch informelle Arbeit als Straßenverkäufer oder Aushilfen auf dem Bau. „All diese Menschen haben jetzt kein Einkommen. Man hilft sich in den Familien, in den Gemeinden und es gibt auch eine, zwar geringe aber immerhin, Hilfe vom Staat.“

Die Moderatorin der Presbyterianischen Kirche auf Kuba, Dora Arce Valentín, schreibt Grundsätzliches. „Wir leben in schwierigen Zeiten – weltweiten und auch hier auf Kuba. Ein Virus hat uns ausgebremst. Alles, was uns Sicherheit gab, was wir zu kontrollieren glaubten und für normal hielten, wurde gestört. Es ist, als hätte die Geschichte aufgehört und uns auf eine unbestimmte Pause gebracht. Wir erkennen, dass der Mensch nicht das Zentrum des Universums ist. Ein unglaublich kleines Teilchen wie ein Virus verändert alles. Wir müssen neu nachdenken über das, wie wir die Welt als Geschenk Gottes verstehen. Wir sind als Kirche gefordert, die Hoffnung, die wir verkünden, zu leben. Wir sollen durch diese erzwungene Pause im Glauben in der Krise eine Chance sehen, um das zu prüfen, was wirklich wichtig ist im Leben.“

Insgesamt bitten die Partnerkirchen aus allen Weltregionen, auch aus Osteuropa oder Frankreich, um eine Sonderhilfe. Das Gustav-Adolf-Werk versucht so viel wie möglich zu helfen. Daher bittet es eindrücklich um Spenden. 

Das GAW bittet dringend um Spenden für die Seelsorge und Diakonie während der Coronapandemie: Bank für Kirche und Diakonie eG Dortmund, IBAN: DE42 3506 0190 0000 4499 11, BIC: GENODED1DKD, Stichwort: Sonderhilfe. Online­Spende: https://www.gustav-adolf-werk.de/spenden.html. Aktuelle Informationen aus Partnerkirchen: https://glauben-verbindet.blogspot.com/