Andacht: Die Kraft kommt vom Kreuz

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Susanne Borée, Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern

Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen. … Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

aus 1. Petrus 2, 21–25

Ja, ich weiß es. Erst durch das Weglassen der Verse 18–20 passt der Text so gut zum Hirtensonntag Miserikordias Domini Barmherzigkeit Gottes. Ohne sie klingt er wie eine vertraute Gemeindeermahnung: Christus, der nichts Falsches getan hat, litt für uns und trug unsere Schuld. Dadurch sind wir an der Seele heil geworden und sollen nun seinem Vorbild folgen.

Doch die Worte richten sich nicht an alle in der Gemeinde, sondern nur an die Sklaven unter ihnen. Sie sollen ihr Schicksal ertragen, so wie Christus seines ertragen hat, egal wie ungerecht ihre Herren auch sein mögen. Viele Ausleger sind der Versuchung erlegen, stummes Erdulden herrschaftlicher Willkür pauschal zur christlichen Tugend zu erklären. Die Folge war, dass Menschen teils über Jahrhunderte hinweg ihrem traurigen Schicksal überlassen blieben. Das kann aber nicht im Sinn des Vorbildes Christi sein, der gekommen ist, um Schuld und Leid zu überwinden. Zur aktuellen Pandemiekatastrophe wollen die Verse aber auch nicht richtig passen. Die schweren Einschränkungen im Alltag, die schmerzhaften Kontaktverbote sind nicht die Folge ungerechter „Herren“. Ganz im Gegenteil. Diese Einschränkungen dienen uns zum Besten.

Aber dann sticht ein kleiner Satz hervor: „Ihr wart wie irrende Schafe.“ So könnte man beschreiben, was COVID-19 aus vielen Menschen macht. Das kleine Virus trennt Familien, Freunde und Gemeinden. Kranke und Alte bleiben allein. Das Sterben wird einsam, die Bestattung notdürftig. Ohne ihre Herden stehen Menschen innerlich und äußerlich verloren da – wie einzelne Schafe in der Wüste, orientierungslos und ängstlich, die endlosen Sargreihen aus Bergamo vor Augen. Weltweit ringt die Menschheit darum, die Kontrolle wiederzugewinnen. Die Angst ist allgegenwärtig und zeigt Wirkung: Schuldige werden gesucht, Klagen angestrengt, Spekulationen kursieren, Betrüger tauchen auf. Menschen hamstern anderen die Vorräte weg und in engen Wohnungen steigt die Gewalt.

Plötzlich ist eine Situation entstanden, die der der Sklaven von damals nicht unähnlich ist: Es braucht Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen, wenn die eigene Menschlichkeit, das Gottvertrauen und die Nächstenliebe nicht verlorengehen sollen. Sie gilt es auch in Krisenzeiten zu bewahrt, aber woher kommt die Kraft?

Sie kommt aus dem Kreuz. Christus ist seinen hin und wieder mit-irrenden Schafen ein starkes Vorbild: Er zahlte nicht Gleiches mit Gleichem zurück. Er kämpfte nicht für sich, sondern für andere. Er ertrug Schläge und Schmähungen geduldig bis zum bitteren Ende. Einem Ende, das Gott in einen grandiosen Sieg verwandelt als er Christus aus dem Tod zu sich in ein neues, ewiges Leben holt.

Wenn Christen auf das Kreuz blicken, dann sehen sie beides: das Leiden und den Sieg. Deshalb macht der Blick auf das Kreuz demütig, tapfer, geduldig und erwartungsvoll. Dieser Blick kann alle Kraft der Welt schenken. Ich erinnere den Ausspruch eines alten Freundes, der seine Krankheit einmal mit den Worten kommentierte: „Mein Herr Jesus hat sein Kreuz nach Golgatha getragen und ist daran für mich gestorben. Dann kann ich ja das wohl aushalten.“ Dieser Gedanke hat ihn getragen. Die Angst hat aus ihm kein irrendes Schaf gemacht, denn er blickte fest auf zu seinem Herrn, der für ihn gelitten hat und von dem er sich gut behütet wusste bis zuletzt.


Pfarrerin Jutta Martin, Kempten