Wie lässt sich Bonhoeffer gerecht werden?

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Aktuelle Publikationen zu Dietrich Bonhoeffer. Foto: Borée
Aktuelle Publikationen zu Dietrich Bonhoeffer. Foto: Borée

Deutungen des Theologen auch 75 Jahre nach seiner Hinrichtung in der Diskussion

Ist er ein Kämpfer gegen die menschenverachtende Diktatur oder ein Quasi-Heiliger? 75 Jahre nach der Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers könnte alles über ihn gesagt und erforscht sein. Doch ließ sich gerade nun ein Streit darüber verfolgen, ob die „Religiöse Rechte“ ihn als „Theologen und Widerstandskämpfer immer schamloser als einen der ihren im politischen Tageskampf instrumentalisiert“.

Aufgeworfen hatte diese Frage Arnd Henze bereits Ende 2019 in den „zeitzeichen“ in seinem Artikel „Wem gehört Bonhoeffer?“: Dem Journalisten und EKD-Synodalen war aufgefallen, dass Trump-Anhänger sich zunehmend auf den Widerstandskämpfer berufen. Dabei galt: „Bis vor ein paar Jahren war Bonhoeffer auch in den USA vor allem unter sozial engagierten Christen populär.“ Doch vor gut zehn Jahren veröffentlichte Eric Metaxas sein Buch „Bonhoeffer: Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet“, in dem er ihn als konservativen Evangelikalen beschrieb. Bei öffentlichen Auftritten ging Metaxas bald noch weiter: Er begann unter Berufung auf Dietrich Bonhoeffer „die ‚Religiöse Rechte‘ zum Widerstand gegen den angeblichen Verfall von Sitte und Moral in den USA zu mobilisieren“: „Trump wurde als Werkzeug gegen das ultimative Böse stilisiert“ – er musste handeln getreu dem Bonhoeffer-Zitat: „Schweigen im Angesicht des Bösen ist selbst böse.“ Ähnlich argumentiere die AfD in Deutschland, um „gezielt die Spaltung der Evangelischen Kirche“ zu betreiben. Die Kirchenleitung habe sich nach Björn Höcke wieder einmal „mit der Macht verbrüdert“ – nun mit dem „rotgrünen Zeitgeist“.

In Ihrer Ausgabe 11 zum 11. März 2020 antwortete Professor Rainer Mayer für die Zeitschrift „idea“ darauf: Gerade durch sein eben im Widerstand habe sich Dietrich Bonhoeffer oft verstellen müssen. Andererseits unterwanderte er es gerade durch seine Tätigkeit bei der NS-Abwehr. Durch diesen Spagat und durch die Inhaftierung blieben sein Leben und Werk Fragment, was er selbst kurz vor dem Ende auch so sah „doch es gibt eine innere Mitte“: den Glauben an Jesus Christus.

Rainer Mayer und „idea“ bieten nun viele Belege für den aufrichtigen konservativen Glauben Bonhoeffers. Wer hat dies bestritten? Gerade in Bonhoeffers „Nachfolge“ kommt das deutlich zum Ausdruck. Eine Herausforderung dort allein schon einer der Kernsätze: „Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt.“

Schon im Frühjahr 2019 näherte sich der Ex-EKD-Ratsvorsitzende und Berliner Bischof Wolfgang Huber dem Märtyrer in dem Buch „Auf dem Weg zur Freiheit. Ein Porträt“. Er zeichnete Bonhoeffers Lebensweg wie besprochen anhand einer punktgenauen Analyse seiner Bücher nach.

Bonhoeffers Glauben zieht sich genauso durch spätere Werke wie die „Ethik“. Es trug ihn auch durch die Zeit der Haft: „Das Vertrauen auf Gott in einer Situation persönlicher Unsicherheit st ein tragendes Motiv seiner Gefängnistheologie. Die Bedeutung dieses Motivs wurde lange unterschätzt, weil die Gefängnisbriefe vor allem durch die Thesen vom Ende der Religion oder vom religionslosen Zeitalter Aufmerksamkeit fanden“, so Huber.

Das Ende der Religion wird aus einem tiefen Glauben heraus proklamiert. Bonhoeffer konnte diesen Gedanken durch seine Haft und Hinrichtung nicht zu Ende führen. Seitdem diskutieren Theologen und Gläubige darüber, wie seine Konsequenzen daraus gewesen wären.

Schon diese wenigen Gedankengänge machen deutlich, wie komplex das theologische Denken Bonhoeffers war. Die spätere Rezeption ebenso. Sie bot auch weltweit in der Ökumene viele Impulse. Es reicht, wenn wir da zu Hause bleiben: „In Westdeutschland berief man sich auf Bonhoeffers Beispiel, um den zivilen Ungehorsam als Mittel der politischen Demonstration aus moralischen Gründen zu legitimieren“, fasst Huber einen Strang des Nachlebens Bonhoeffers zusammen. Die Kirche tat sich lange schwer mit Bonhoeffer. In der DDR stärkte es aber gerade die Kirchen als Gegenüber des Sozialismus. „Auf seine Weise trug er (Bonhoeffer) zu der Atmosphäre der Kerzen und Gebete bei, die den friedlichen Verlauf der Revolution von 1989 kennzeichnete“, so Huber.

Glaube gegen Zeitgeist?

Dagegen kritisiert Rainer Mayer es als „falsch, sich in einer platten, banalen, selbstgerechten Weise auf Bonhoeffer zu berufen, wie es heute oft geschieht“. So interessant seine Impulse zum Glauben Bonhoeffers waren, hier lässt sich ihm nicht folgen. Dann wird er genauer: „Falsch ist auch, Bonhoeffer statt für ‚rechts‘ nun für ‚links‘ zu reklamieren.“ Doch gegen Rechts zu sein, bedeutet noch lange nicht, links zu sein. Henze warnt gerade vor Trivialisierungen, die Bonhoeffer „zum Steinbruch für fromme Sprüche und ein diffuses Widerstandspathos entwertet hat“.

Mayer wieder kritisiert an Henze: „Der Appell lautet, man dürfe Bonhoeffer nicht den Evangelikalen überlassen.“ Nein, Henzes Appell lautet, man dürfe Bonhoeffer nicht der „Religiösen Rechten“ überlassen. Dieser Begriff bringt Mayer dann zwar im nächsten Satz des idea-Artikels. Doch erscheint es so, als wäre beides gleichzusetzen. Das Argumentationsschema scheint da
keinen Unterschied zwischen „Konservativen“ und „Neuen Rechten“, zwischen bewahrenden und zerstörenden Kräften zu machen.

Mayer fasst zusammen: „Kurz gesagt: Die Gefährdung der Kirche geschah zur NS-Zeit in erster Linie durch den Angriff von außen; heutzutage geschieht sie in erster Linie durch den Verfall von innen, der sich schließlich – damals wie heute in gleicher Weise – als kurzschlüssige Anpassung an staatliche und gesellschaftliche Entwicklungen auswirkt. Kirche will auf der Höhe der Zeit bleiben, im sogenannten ‚Mainstream‘ mitschwimmen und dadurch ihre Zukunft sichern.“

Bonhoeffer hat es sich wirklich nicht leicht gemacht, sich für den Widerstand und für den Tyrannenmord zu entscheiden. Es widerstrebte schon seiner pazifistischen Grundüberzeugung. Für ihn laden auch dadurch Menschen Schuld auf sich. Aber noch viel mehr, wenn sie nicht handeln. Er entschied sich bewusst in einer extremen politischen Lage.

Dazu Wolfgang Huber in einem epd-Gespräch zum 26. März: „Falls jemand die eigene Rolle heute mit dem Widerstand gegen die NS-Diktatur vergleicht, hat er den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur nicht verstanden. Er missbraucht die Autorität Bonhoeffers für Zwecke, die mit dessen Leben und Theologie nichts zu tun haben.“

Und Bonhoeffers Botschaft für heute? „Nimm selber deine Verantwortung aus Glauben wahr. Verstecke dich nicht hinter anderen Autoritäten. Nimm die Situation genau wahr und vertraue darauf, dass das Gebot der Liebe zu Gott, zum Nächsten dir zeigen wird, welchen Weg du gehen sollst.“