Verwurzelt im Leiden

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Gideon und seine Männer werfen den Baalsaltar um. Gideon opfert einen Stier (nach Richter 6,25–27), fz. Buchmalerei, 13. Jahrhundert (Detail). Bild: AKG
Gideon und seine Männer werfen den Baalsaltar um. Gideon opfert einen Stier (nach Richter 6,25–27), fz. Buchmalerei, 13. Jahrhundert (Detail). Bild: AKG

Neue Zugänge zur alten Diskussion um die „Entstehung der Bibel“, Teil I

Große Teile der Heiligen Schriften entstanden aus dem Leiden. Ohne den Verlust der Staatlichkeit Israels und Judas hätte es sie wohl nicht gegeben. Über die Entstehung gerade des Alten Testaments veröffentlichte das Sonntagsblatt bereits im vergangenen Herbst eine Artikelserie. Inzwischen erschien ein neues Standardwerk zum Thema, das wir nun erst beleuchten können:

Erzählt das Richterbuch gar nicht Geschichten aus der Zeit von David und Salomo, sondern Widerstandsgeschichten nach der Eroberung Israels durch die Assyrer Jahrhunderte später? Der Alttestamentler Konrad Schmid sieht dies gerade in den Kapiteln 3 bis 9 gegeben. Dieser „Kern“ des Richterbuches ist für ihn geografisch im Nordreich verortet. Er besteht für ihn aus einer „Sammlung von Rettererzählungen aus der Assyrerzeit“ – nach 722 vor Christus. Da tragen „die Völker, die der Herr übrig ließ, damit er durch sie Israel prüfte“ (Richter 3,1), natürlich maskierte Namen. Auf Abfall Israels erfolgt die Strafe durch Eroberung – bis die Richter und Richterinnen von Deborah bis Gideon das Volk wieder zurückführen und befreien.

Der Alttestamentler Konrad Schmid aus Zürich und der Neutestamentler Jens Schröter aus Berlin betonen in ihrem neuen Standardwerk „Die Entstehung der Bibel“ neue Akzente. Zunächst zum Alten Testament: Der Überblick betont also stärker die Wurzeln mehrerer Bibelteile im Nordreich, obwohl es bekanntlich die Assyrer schon 722 vor Christus eroberten und die Elite verschleppten. Viele Einwohner flohen aber wohl auch ins Südreich Juda – oder versuchten in ihrer Heimat zu überleben.

Die Kapitel des Richterbuches „propagieren die Möglichkeit einer nichtstaatlichen Existenz Israels ohne eigenen König.“ Und sie wenden sich „gegen ein institutionalisiertes Königtum in Israel und für eine gottgeführte Politik durch charismatische Rettergestalten.“ Diese müssen „nicht notwendigerweise mit übergreifenden politischen Organisationsstrukturen in Konflikt geraten“ sein. „Die Richtererzählungen wehren sich gegen den impliziten Vorwurf, dass das ehemalige Nordreich ein gottloses Territorium sei.“

Konrad Schmid beginnt seinen Überblick nach einem einleitenden Kapitel nicht etwa mit der Schöpfung, sondern mit der Jakobsgeschichte. Auch dies sei im Nordreich Israel entstanden – viele Ortsnamen weisen genau darauf hin. Überhaupt zeigen für ihn archäologische Funde im Gegensatz zu vielen einschlägigen Zeugnissen aus dem Alten Testament selbst, dass das Nordreich lange wirtschaftlich stärker sowie politisch und geistig-religiös stärker entwickelt gewesen ist.

Auch die Moses-Exodus-Erzählung verortet Schmid im Nordreich: Spuren von einem massenhaften Einzug ins Heilige Land lassen sich nirgendwo archäologisch nachweisen, wohl aber Wanderungen von kanaanäischen Bevölkerungsgruppen zwischen der Levante und Ägypten. Auf das Nordreich weisen neben geografischen Angaben bei der Landnahme schon die zwei Goldenen Kälber hin, die dort entstanden (1. Könige 12,28).

Bei dem Beginn der Erzählung, der Rettung Mose aus dem Schilfkörbchen, griffen die Erzähler auf ein assyrisches Vorbild zurück, „allerdings in antiassyrischer Wendung“. Sie ist auf „eine ägyptische Szenerie übertragen worden: Ägypten und sein Pharao, der nicht zufällig namenlos bleibt, stellen keine konkrete imperiale Macht dar, sondern sie stehen für die Institution irdischer Imperien schlechthin“.

Alles andere als organisch und damit wohl erst später hat sich diese Exodus-Geschichte mit den Erzählungen über die Erzväter verbunden. Die Kapitel zum Alten Testament orientieren sich also gar nicht an der Abfolge der Schriften. Dies ist historisch begründet, verlangt aber nach intensiven Bibelkenntnissen bei Menschen, die sich über die neuesten Forschungen zu dem Thema informieren wollen. Wenigstens werden relevante Bibelverse direkt zitiert. Für seinen umfassenden Anspruch ist das Werk vergleichsweise leserfreundlich verfasst.

Orientierung wandelt sich

Erste Zeugnisse der Schriftlichkeit finden sich im alten Israel nicht vor dem 9. oder 8. Jahrhundert vor Christus, so Schmid. Doch viele Erzählungen oder Rechtssätze scheinen vor der Fixierung auf eine lange Überlieferungsgeschichte zurückzublicken. Dann konnten sie aber durchaus umgedeutet werden.

Die Rechtstexte wiederum zeigen für den Alttestamentler große Ähnlichkeiten mit der alten orientalischen Rechtsüberlieferung. Doch waren sie in anderen Regionen eher eine Orientierung für einen Herrscher, der über ihnen stand. In Israel ist es Gottesrecht. Es erscheint normativ für alle Zeiten. Ein Kern des Deuteronomiums lehnt sich an „neuassyrische Vasallenverträge“ an. Nur erscheint hier Gott als Herrscher. Was ist zu tun mit solchen normativen Rechtssätzen, wenn sich die Situation ändert? Neue Formulierungen innerhalb von Wiederholungen, etwa im 2. oder 3. Buch Mose, interpretieren sie neu.

Eine einheitliche Vorstellung von Israel und Juda entwickeln die ersten Kapitel des Jesajabuches. Sie zeigen, dass das Gericht mit dem Untergang des Nordreichs noch nicht vorbei ist. Damit knüpfen sie direkt an Amos an, der wohl noch im 8. Jahrhundert vor Christus den Zorn Gottes im Nordreich ankündigte.

In Juda zeigt sich um etwa 700 vor Christus auch archäologisch ein großer Bevölkerungsanstieg. Viele Vertriebene aus dem Nordreich zog es nach der Eroberung wohl dorthin. Sie brachten ihre Deutung der Entwicklung von Amos bis zu den Richtern mit. Juda war noch die Atempause von 135 Jahren vergönnt, bevor die Babylonier kamen.

Da berichten weite Teile des Alten Testaments über die Zeit vor der Zerstörung Judas 587 vor Christus. Doch sie entstanden erst danach und projizieren aktuelle Entwicklungen zurück. Schon Abraham ist aus Ur, also dem späteren Babylon eingewandert. Die Jahwe-Tradition überlebte nun im Exil, obwohl etwa die Klagelieder Jeremias im zerstörten Juda direkt verortet sind.

Erst langsam durch „verschiedene, parallel laufende Entwicklungen“ und nach vielen Rückschlägen setzte sich der Glaube an einen Gott durch. In der Exilszeit setzte diese Entwicklung ein: Er greift auf einen Bestand von heiligen Schriften zurück, die für die Wirklichkeitsdeutung maßgeblich sind. Sie ermöglichten, dass das Volk im Exil seine Identität erhielt und werden fortlaufend weiter interpretiert.

Konrad Schmid und Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften. Verlag C. H. Beck 2019, 504 Seiten, ISBN 978-3-406-73946-0, 32 Euro.