Mein Platz unterm Kreuz

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Karwoche

So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.

aus Johannes 17, 1–8

Es ist ein großes Glück, wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, wenn alles passt. Auch für Jesus gilt das, wenn er uns deutlich machen will, wer er ist und was er für uns getan hat. Auch Jesus wählt dafür den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Ort, um sich uns zu zeigen, um sich als unser Heiland und Erlöser zu offenbaren.

Als Jesus mit seinen Jüngern auf der Hochzeit in Kana eingeladen war, da war nicht die richtige Zeit und der rechte Ort, um den Leuten zu zeigen, dass er der von Gott gesandte Retter ist. Maria, die Mutter Jesu, berichtet vom Problem der Hochzeitsleute und drängte ihren Sohn zum Handeln: „Sie haben keinen Wein mehr“. Doch Jesus wehrt sich: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Hier in Kana war der falsche Zeitpunkt ganz am Anfang der Wirksamkeit Jesu und es war auch der falsche Ort, um das wahre Wesen Jesu als Sohn Gottes offen zu legen. Als Wundertäter auf einer Hochzeitsfeier wollte Jesus nicht verstanden werden.

Demgegenüber spricht Jesus jetzt in dem Abschnitt aus dem Johannesevangelium vom richtigen Ort und vom richtigen Zeitpunkt seiner Offenbarung vor der Welt. Als Jesus ein letztes Mal mit seinen Jüngern zusammen saß, ihnen die Füße gewaschen hatte und Abschied von ihnen nahm, da fing er auf einmal an zu beten. Jesus sprach mit Gott, seinem Vater, und er brachte dabei auf den Punkt, wozu er von seinem Vater beauftragt worden war. Jetzt war die Stunde da, in der Jesus den Sinn und das Ziel seines Wirkens klar benannte. Jetzt war die Stunde da, in der sich Jesus unmissverständlich als Sohn Gottes offenbarte. Jetzt war die Stunde da, in der Jesus zum Heiland und Retter der Welt werden solle, zum Erlöser für alle.

Das ist der Fokus der ganzen Jesusgeschichte, dass wir Menschen durch den Glauben an Jesus das ewige Leben bekommen. Allein darauf zielt alles hin, was Jesus gesagt und getan hat. Die Todesstunde, das ist seine Stunde, die Stunde des Heils und der Rettung. Es ist eine Stunde für die Ewigkeit. Sie macht Jesus zum Heiland. Hier am Kreuz in der Todesstunde, da will Jesus verherrlicht werden, da will Jesus erkannt werden als der, der ewiges Leben möglich macht.

In der Marienkirche in Lübeck hängt ein berühmtes Altarbild von Hans Memling. Das Bild stellt die Kreuzigung Jesu dar. Man sieht die drei Kreuze in den Himmel ragen. Jesus und die beiden Schächer neben ihm hängen daran. Unter den Kreuzen sieht man ein buntes Gewimmel von Gestalten. Da drängen sich Kriegsknechte und neugieriges Volk, weinende Frauen und stolze Priester. Aber genau in der Mitte, gerade unter dem Kreuz Jesu, ist ein Platz ausgespart. Da ist deutlich eine leere Stelle zu sehen. Es ist, als wollte der Maler den Betrachter fragen, wer auf dem leeren Platz unter dem Kreuz stehen sollte. Jeder, der das Bild anschaut, soll merken: Ich sollte dort stehen! Unter dem Kreuz Jesu ist mein Platz. Dorthin darf ich mit meiner Sorge und Angst, Einsamkeit und Verwundung, Sünde und Schuld kommen. Da ist ein Platz frei für mich.

Thomas Hohenberger, Pfarrer in Döbra und Lippertsgrün