„Die Nacht ist vorgedrungen“ – auch für unsere Zukunft?

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Adventlicher Kommentar von Susanne Borée in neuen Zeiten des Mangels

„Morgen, Kinder, wird‘s nichts geben! Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.“ Während ich diese  Worte der Nachdichtung Erich Kästners vor mich hin summe, wandern meine Gedanken: Hatten wir das nicht schon mal? 

Richtig, in der Adventszeit 2010 begann ich so meinen Kommentar über Spaltungen in der Gesellschaft. Das gab es offenbar schon vor 13 Jahren. Und 2019 hatten mir Zeilen der Weihnachtslieder viel zum Alltagswahnsinn im Advent zu sagen – auch diesmal wieder in neuer Form. 

Damals war noch nicht vorstellbar, welche Verteilungskämpfe nun toben. „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ – hört irgendwer zu? Es müsste mehr Geld verteilt werden, als vorhanden ist – bekanntlich stoppte das Bundesverfassungsgericht die Ausgabe von 60 Milliarden Euro an umgewidmeten Krediten. Was immer schon bezahlt wurde, hat gute Chancen auf  Weiterführung.  Eingefroren dagegen wohl viele Gelder für Neues. Wie kann so ein zukunftsfähiger Umbau des Landes erfolgen? Bei neuen Wegen für Gesundheit und Pflege hakt es ebenso wie bei Sozialer Verantwortung. „Noch manche Nacht wird fallen / auf Menschenleid und -schuld. / doch wandert nun mit allen / der Stern der Gotteshuld“: Geht so das Adventsmotto?

Eher als alte Selbstverständlichkeiten: „Dann stell ich den Teller auf, / Niklaus legt gewiss was drauf …“, wenn er noch etwas zum Verteilen hat. Welche eine Erwartungshaltung! Und eine schöne Bescherung gerade bei der Energiewende! Unser Fernleitungsnetz auf den Stand mancher maroden Brücke. Das ist inzwischen auch in Bayern angekommen. Strom ist da – findet aber nicht in ausreichender Form den Weg zu den Menschen. Erste Trassen machen sich langsam auf den Weg gen Süden.  

„Bereitet doch fein tüchtig / den Weg dem großen Gast“: Nun geht es nur um unsere Zukunft, nicht um den Heiland. Doch besser schien es, sich in persönlichen, wissenschaftlich bedenklichen Befindlichkeiten und Egoismen gegen Stromtrassen zu verlieren. Wer wollte in fetten Jahren die Zukunft angehen? Wo blieb nun „großes Gut, das sich nicht lässt verzehren, / wie irdisch Reichtum tut“?

 Dass nun Not am Mann ist, hat auch die neu-alte bayerische Staatsregierung inzwischen eingesehen – und tut so, als wäre sie immer schon dafür gewesen.

Und selbst, wenn der Strom nach Bayern kommt, macht scheinbar niemand „hoch die Tür“ für die weitere Verteilung. „Mädchen hört und Bübchen, / macht mir auf das Stübchen“ – das würden wir ja gerne. Doch: „Wie soll ich dich empfangen?“ Die dezentralen Netze sind vielfach unzureichend, gerade in alten Stadtteilen: E-Autos und Wärmepumpen gab es schließlich gestern auch nicht, wozu also jetzt? 

„O komm, o komm, du Morgenstern“ – nicht als Stromfresser, sondern als Stromproduzent: Bei hauseigenen Photovoltaik-Anlagen wird Strom direkt dort produziert, wo er gebraucht wird. Doch gerade in dichtbebauten Stadtzentren oder gar einer denkmalgeschützten Altstadt sind die Möglichkeiten begrenzt. Auch bei Balkonkraftwerken, die relativ einfach zu installieren und anzuschließen sind, stehen andere Interessen und Zwänge im Alltag dagegen.

„Gott will im Dunkel wohnen / und hat es doch erhellt“: Aber wie speichert sich seine Kraft für Zeiten, in denen es besonders nötig erscheint? Dezentrale, aber auch digitale Steuerung von Energiesystemen würde zu einem nachhaltigen Umgang mit ihnen helfen. Wärme und Strom können ineinanderwirken. Warmes Abwasser etwa kann etwa Wärmepumpen antreiben. „Nun tragt eurer Güte hellen Schein / weit in die dunkle Welt hinein“: Haushalte und Industriebetriebe sind keine Konkurrenten um die Energie, sondern können sich gut ergänzen. 

„In den Herzen ist’s warm“ – hoffentlich auch in der Stube. „Still schweigt Kummer und Harm, / Sorge des Lebens verhallt“ – hoffentlich. Doch in allen Sorgen, in der Angst um neue Verteilungskämpfe vergessen wir gerne: „Das Schiff geht still im Triebe, / es trägt ein teure Last; / das Segel ist die Liebe / der Heilig Geist der Mast.“ Ist das wenigstens noch möglich, auch wenn uns die Gaben zum Verteilen fehlen?