Von Beuteln und Sackgassen

261
Die Künstlerin Alex Hojenski zeigt im Atelier des Wildbades Rothenburg ihre Vorarbeiten: Bedrucktes Gewebe, dessen Farbe und Muster sie den natürlichen Vorbildern im Park entnommen hat. Foto: Bek-Baier
Die Künstlerin Alex Hojenski zeigt im Atelier des Wildbades Rothenburg ihre Vorarbeiten: Bedrucktes Gewebe, dessen Farbe und Muster sie den natürlichen Vorbildern im Park entnommen hat. Foto: Bek-Baier

Alex Hojenski, Künstlerin der „art residency wildbad“ denkt über Sichtweisen nach

Netzartig spannen sich Gurte zwischen den Bäumen. Es ergeben sich dadurch unterschiedliche Flächen, die stellenweise mit Gewebe ausgefüllt sind. Unterschiedlich große Behälter hängen herab. Alles kann aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Ebenen betrachtet werden. Die Hamburger Künstlerin Alex Hojenski beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit Perspektivwechsel, Abgrenzung, Durchlässigkeit und Transparenz – wie auch hier in der Arbeit für den Kunstpark im Wildbad Rothenburg.

Die freischwingenden Objekte, vom Wind bewegt, bieten dem Betrachter verschiedene Anblicke. Es hängt vom Lichteinfall ab, ob beispielsweise die Sonne durch oder darauf leuchtet. Sie sind von zwei Seiten mit sonnenlicht- und wetterfester Farbe bedruckt. Man erkennt Muster, die teils floral wirken, teils wird man wie von Eulenaugen angestarrt. Man kann unter dem Objekt stehen und ringsherum gehen. Es ist zwischen den alten Park-Bäumen aufgehängt. Es gibt ummantelte Gurte, die als Hauptelemente Körbe und transparentes Kunststoffgewebe tragen. 

Die Hamburger Künstlerin Alex Hojenski ist die diesjährige Künstlerin der „art residency wildbad“, was in etwa heißt, „Kunstwohnung“ oder „Wohnen für die Kunst“. In den vier Monaten ihrer Residenz im Wildbad entstand ihr Kunstobjekt, das in den Bäumen oberhalb der Kegelbahn des Parks vom Wildbad in­stalliert ist. Hojenski ist bereits die achte Künstlerin dieses Projektes, das auch von der Evangelischen Landeskirche unterstützt wird und das den Park der Evangelischen Tagungsstätte zu einem Kunstpark verwandeln will. Seit 2017 lädt das Wildbad ausgewählte nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler dazu ein, hier eine Saison lang als „Artist in Residence“ schöpferisch tätig zu sein und sich vom Ambiente des Hauses und des umgebenden Parks inspirieren zu lassen.

Durchlässigkeit erfahrbar machen

„Was sich durchgezogen hat, ist eine Frage von Durchlässigkeit, auf eine andere Weise als ich dachte“, sagt Hojenski nun, als ihr Objekt in den Bäumen hängt und von der Herbstsonne beschienen wird. Das Wetter und die Jahreszeiten haben ihre Arbeit von Anfang an beeinflusst und tragen zu permanenter Veränderung bei. „Der Ort verändert sich jetzt im Herbst schon sehr. Als ich die Druckdatei angelegt habe, sah es im Park noch ganz anders aus, gerade wenn man mit Farbe arbeitet. Der natürliche Raum verändert gerade jetzt sehr die Farbe“, sagt Hojenski.

„Als es im August so viel geregnet hat, habe ich viel marmoriert“, erklärt die Künstlerin, die gebürtig aus dem mittelfränkischen Roth stammt. Marmorieren ist eine sehr alte Technik, erklärt sie, die oft auch zum Gestalten von Bucheinbänden genutzt wurde, um sie mit Mustern zu schmücken. „Ich habe von Hand Tücher marmoriert, auf eine Wasseroberfläche Farbe getropft, dadurch entstehen Ringe und Kreise und ähnliche Muster, die dann eingescannt und digital kollagiert wurden.“ Es ist eine Momentaufnahme, erläutert sie. Vorbild waren Moose und Flechten, die an Bäumen und Mauern im Park überall wachsen und zur Wirkung von Park und Tagungsgebäude „dazu gehören“.

„Für mich steckt da sehr viel drin: Das Fragmentierte, was draußen im Park zu finden ist, was man ständig parallel übereinander sieht. Baumelemente. Etwas Wesenhaftes.“  Und tatsächlich kommen einem beim Betrachten der Farbmuster mit dem eulenartigen Augen Baumwesen aus Legenden, Märchen und fantastischen Erzählungen in den Sinn.  

Die Gurte und das Muster haben eine angemooste Struktur. „Das wird auch passieren: an den Gurten wird sich unter den Bäumen schnell Moos ansetzen. Die Natur, die das Wildbad umgibt, war Inspiration. Im Atelier hat die Künstlerin Fotos aufgehängt, die sie im Park gemacht hat: Ein aufgeschnittener Baumstumpf mit seinen Jahresringen, Moose und Flechten an Mauern und Wänden der Gebäude und eine Ansammlung von Feuerwanzen, die wiederum wie ein lebendiges Muster erscheinen. 

Marmorieren der kristallinen Struktur

„Was ich spannend fand beim Marmorieren, was man auch auf der großen Fläche an der Wand des Ateliers sehen kann, sind die feinen Äderchen und kristallinen Strukturen.“ Entstanden sind sie durch die  Farbe auf dem Wasser, ein technischer Fehler, der hier gewollt ist. Zwischen den Bäumen hängen dann auch Strukturen, die mit ornamentalen-Strukturen bedruckt sind, auf die wieder sich etwas natürliches ansiedeln kann, wie die Moose. „Ein Sinnbild für das Kleine, Unbeachtete, wie eine Flechte, die auf der großen beachteten Struktur, wie dem historischen Gebäude angesiedelt ist und zur Ansicht eben genauso dazu gehört“, erläutert die Künstlerin. „Deswegen war es mir wichtig, meine Arbeit hier im Wildbad mit hineinzubringen und ihr meinen Eindruck, den ich hier gewonnen habe durch Farbe und Strukturen und viele Gesichter in der Ornamentik mitzugeben.“ Und sie fährt fort, „Ich hätte ja auch alles weiß lassen können und sehen, was die Moose aus der Struktur machen.“

Sichtweisen und Taschen

Doch eine Korrespondenz mit der Umgebung und die natürliche Veränderung sind nur die eine Seite. Die wesentliche Intention der Arbeit, der intellektuelle Ansatz ist ein anderer: „Inhaltlich bin ich mit der ,Tragetaschentheorie‘ im Gepäck hier im Wildbad angekommen.“ Hojenski erklärt sie so: „Sowohl das Wildbad als ein Historismusbau, als auch ganz Rothenburg behaupten sich schwer in dicken Mauern, die man heute noch erleben kann.“ Diese Gebäude erzählen für viele Besucher heute eine Geschichte aus der Vergangenheit. „Aber dabei fehlt für mich der größte Teil, da wir viele wichtige Details heute nicht mehr sehen oder wissen, wir können nicht alles erhalten“, führt Hojenski weiter aus. Es sei immer auch die Frage, „Wer erzählt die Geschichte?“ „Viele Geschichten werden gar nicht weiter überliefert und gehen verloren.“

Die Tragetaschentheorie stammt von der amerikanischen Autorin Ursula K. Le Guin. Sie widmete sich in den 1980er Jahren vor allem fantastischer und Science-Fiction-Literatur, mit einem Fokus auf Feminismus. „Le Guin stellt die Frage, wie kann man alternativ in einem Kollektiv leben“, erklärt Hojenski. „Die Tragetaschentheorie sagt, wir erzählen die Geschichte der Menschheit anhand von Techniken, Werkzeugen und Waffen.“ Das geht in etwas so: Zuerst wurde der Faustkeil erfunden, später dann Speer oder der Bogen und das Schwert. Man ging zum Jagen und Erlegen. „Aber niemand erzählt von dem Beutel, der auch mit dabei war! Er wird als nebensächliche Sache betrachtet“, weiß die Künstlerin. „Man fragt nun, was ist das übersehene Element? Es ist die Tasche, die man eben auch als wesentliche Technologie sehen muss, aber die eben in der Erzählung der Evolution vergessen wird, weil sie nicht kämpferisch ist“, erläutert die Künstlerin. 

„Die Art der Geschichten, die wir erzählen, sagt Le Guin, formt die Idee, die wir vom Menschen haben“, so Hojenski zu der Philosophie, die hinter ihrer Kunst steckt. „Bei der Frage von Männer und Frauen,  wer macht die produktive und wer die reproduktive Arbeit, – über welche Arbeit kommt Geld ins Haus, über welche wird die Wäsche gewaschen –, etabliert sich, welches Handeln, welche Rolle geschätzt wird und welche nicht.“ Es werden bei der Erzählung der Menschheitsgeschichte auch stets „Helden“, Einzelpersonen ins Rampenlicht gestellt, wobei doch meist eine ganze Gruppe an Handlungen und Entwicklungen beteiligt sind. „Es gibt auch sehr viele Personen, die mich bei dieser Arbeit hier beraten haben“, gibt Hojenski zu bedenken. „Das war mein Ausgangspunkt und ich wollte etwas machen, das wie ein Auffangkörper ist“, also kein geschlossener Beutel. Es ist im Vergleich zu den geschlossenen historischen Gebäuden als etwas offeneres gedacht, als sich anders behauptende Geschichte.“ Entstanden sind so etwas wie bunt bedruckte, aber sich öffnende Körbe. 

Den Sack offen lassen

„In der Tragetaschentheorie geht es ja auch darum, viele andere Gegenüber mitzudenken. Es gibt nicht nur eine Figur, sondern viele andere, die unser Leben insgesamt ausmachen.“ Zum vorübergehenden Titel der In­stallation „Von Beuteln und Sackgassen“ sagt sie: „Der Beutel ist das von mir favorisierte Element. Der Beutel gehört auch zu den Dingen,  die sich abnutzen. Wenn es keine Alternativen gibt, ist es eine Sackgasse.“ Hojenski zieht die Verbindung zu ak­tuellen Geschehnissen, wie der Polarisierung im gesellschaftlichen Diskurs. Auch die Ansichten über vergangene Ereignisse würden Menschen heute trennen. „Geschichte wird oft von den Siegern geschrieben. Nimmt man diese Geschichte als Fakt, ist es eine Sackgasse. Der Punkt ist, den Sack nicht zuzuschnüren. Den Beutel sollte man mehr spüren können, als ihn zu sehen“, so ihre Überlegungen.

„Es gibt immer viele Blicke, weg von einer Richtung, weg von einer Wahrheit“, ist sie überzeugt. „Wir sollten immer mitbedenken, dass Geschichte immer von Siegern geschrieben wird und dass es immer auch andere Blickwinkel gibt. Das ist auch ein Teil vom Feminismus: Man muss sich auf Augenhöhe treffen um sich mit anderen über deren Perspektiven auszutauschen.“ Man dürfe nicht sagen, „Die haben aber mehr recht, weil …“ Dafür sei das Leben viel zu komplex, so Alex Hojenski. So gesehen haben ihre offenen Beutel sehr wohl mit Gesellschaftsfragen zu tun: Welche Arbeit und welche Leistung werden gesehen und welche nicht? Man kann auch sagen: Welche Wahrheiten werden gesehen und welche nicht?

Informationen: https://wildbad.de/art-residency-wildbad/