Ruf weg vom „privaten Frieden mit Gott“

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Amanda und Johann Hinrich Wichern. Foto: epd/F
Amanda und Johann Hinrich Wichern. Foto: epd/F

Lebenslinien: Wicherns Wittenberger Rede von 1848 als Fanal zur Gründung der Diakonie

Unvorbereitet erhob er seine Stimme – so heißt es. Vor 500 Vertretern – damals alles Männer – der evangelischen Landeskirchen aus allen Teilen Deutschlands am 22. September 1848 in Wittenberg erhielt Johann Hinrich Wichern Raum für eine Rede. Eigentlich ging es damals darum, wie inmitten der 1848er-Revolution der Zusammenschluss zu einem Kirchenbund ermöglicht werden könnte. „Die Revolution gehe auch auf die Schuld der Kirche zurück, die die Proletarier vernachlässigt habe, ruft er den Delegierten zu.“ So beschreibt es Uwe Birnstein eindrücklich in seiner schmalen Biografie über den damals 40-jährigen Begründer der Inneren Mission und somit der Diakonie.

Nach diesem Zwischenruf sollte der Hamburger Pfarrer seine Gedanken genauer vorstellen. Schließlich war Wichern schon damals kein Unbekannter mehr. 15 Jahre zuvor hatte er das Rauhe Haus in Hamburg gegründet, das Kindern aus schwierigen und armen Verhältnissen eine Heimat bot. Es platzte bereits aus allen Nähten, obwohl es unzählige Spender unterstützten und immer weiter wachsen ließen – doch der Bedarf war deutlich größer.

Vor 175 Jahren nahm Johann Hinrich Wichern auch diese Herausforderung an, vor den damals bedeutendesten Vertretern der evangelischen Kirchen zu reden. Ohne Manuskript ging er nach vorne. 75 Minuten lang redete er. 

„Der Herr hat dabei mein Gebet erhört“, schrieb Wichern am selben Abend seiner Frau Amalie. Lebenslang war sie seine Vertraute. Ja mehr noch, seine „Finanzministerin“, die ihn bei der Verwirklichung und Verwaltung des Rauhen Hauses zur Seite stand. Er fühlte sich „von dem Bewußtsein durchdrungen, dass Gott mir die volle Kraft des Wortes verleiht. Es war eine Empfindung, wie ich sie bisher nur einmal gekannt habe: als ich … Dich gewann.“

Dabei waren Wicherns Forderungen in Wittenberg eine Herausforderung. Wenn immer mehr Menschen sich von der Kirche abwandten, trügen die Gemeinden eine Mitschuld. „Habt ihr nicht lange euren kleinen privaten Frieden mit Gott gemacht?“ 

Über eine Pastoralkonferenz hatte Wichern einmal mit bitterem Humor geschrieben: „Es kam mir vor wie vor dem ersten Schöpfungstag: Der Geist Gottes schwebte über den Wassern – das Licht kam aber nicht.“ 

Unzählige schlechte Predigten und die Gleichgültigkeit gegenüber der Not der Armen trügen dazu bei. Wenn die Menschen nicht mehr in die Kirche kämen, müssten Straßenprediger „voll Glaubens, voll Mut, geschickt, beredt, brennend in Liebe zum Volk, mit Zeugnissen des Geistes und der Kraft gerüstet“ in die elendsten Stadtteile ziehen. Und dabei nicht nur reden, sondern wirklich helfen. 

Der Heilige Geist könnte doch das „Gespenst des Kommunismus“ überwinden – wenn Buße und Neubesinnung Raum gewänne. Es müsse Alternativen gegen die Ideen des Kommunismus geben. Kirche habe dagegen zu kämpfen und gleichzeitig alle Menschen zu erreichen. Der sittliche Verfall der Gesellschaft sollte gestoppt werden. Gleichzeitig forderte Wichern den Kampf gegen das Elend. 

Ekel vor dem Elend

Bei aller Kritik Wicherns am Gemeindeleben: „Dies war eine gleichsam fromme wie staatlich opportune Antwort auf die revolutionären Bestrebungen“, so Birnstein. Eine Denkschrift war nach der Rede bald verfasst. Die „Innere Mission“ entstand in ihren Grundzügen. 

Dabei stammt der Begründer der Diakonie selbst aus einfachen Verhältnissen, der Vater starb allzu früh an Schwindsucht, also Tuberkulose. Eine Schwester auch. Gönner ermöglichten ihm das Theologiestudium. Intellektuelle Dispute interessierten ihn wenig, eher stand er „erweckten“ Theologen nahe. Doch das Elend um ihn herum machte Wichern schon 1833 zu schaffen. 

Zunächst engagierte er sich in der Sonntagsschulbewegung, um den ärmsten Kindern ein wenig Bildung zu geben. Doch bald merkte er, wie wenig das ausreichte: Schon 15 Jahre vor der Wittenberger Versammlung hielt er 1833 ebenfalls eine Rede aus dem Stegreif, die überzeugte – und zur Gründung des Rauhen Hauses führte.

Was immer die Kinder in ihrem früheren Leben getan hatten, es sollte ihnen bei der Aufnahme im Rauhen Haus vergeben sein. Allerdings verpflichteten sie sich auch ihrerseits, auch niemals darüber zu sprechen. Allerdings stammten die Kinder meist aus Verhältnissen, die traumatisierten – war da wirklich Verdrängung angebracht? Jedenfalls sollten geduldige Betreuung und Dankbarkeit stärker binden als Mauern und Schlösser. „Jedes Kind ist ein Heiligtum“, war einer von Wichern Erziehungsgrundsätzen. 

Pakt mit dem König

Stillstand allerdings war für Wichern schwer zu ertragen. Seine Frau Amanda half tatkräftig mit – zumal er selbst zunehmend unterwegs war. Ein Brüderhaus organisierte die Ausbildung zukünftiger Erzieher und Diakone.

Im zunehmenden Alter verstärkte sich Wicherns Ungeduld bis hin zur Bitterkeit und verletzendem Verhalten. Kritiker warfen ihm Eitelkeit vor – womit er sich still in Tagebüchern auseinandersetzte, so Birnstein. Neben dem Kommunismus machte er teils auch die Juden mitverantwortlich an der „Verschwörung gegen den Herrn“. Doch boten die Ideen trotz aller Hilfen keinen grundlegenden Wandel.

Und dies, obwohl sogar der preußische König Friedrich Wilhelm IV. nach Wicherns Wittenberger Rede von 1848 und der anschließenden Denkschrift auf ihn aufmerksam wurde. Im königlichen Auftrag sollte der Vater der Diakonie auch das Gefängniswesen neu ordnen. Da wollte er die Insassen konsequent in Einzelzellen unterbringen, damit sie nicht mehr den schlechten Einflüssen der anderen ausgesetzt würden. Ein zentrales Überwachungssystem sollte jede Zelle bei minimalem Aufwand möglichst effektiv kontrollieren. Auch wenn die Aufseher christlich geprägt sein sollten, klingt mir das nicht sehr menschlich. In Moabit entstand ein Musterbau. Wicherns Vorstellungen wurden jedoch nicht konsequent umgesetzt. 

1864 begründete Wichern mit zwölf Brüdern die Feld-Diakonie. Sie betreuten erste Lazarette. Im Krieg von 1870/71 waren es dann bereits 360 Sanitäter. Allerdings vermengte Wichern zunehmend Nation und Glaube – selbst als sein jüngster Sohn 1871 fiel. Nach einem zweiten Schlaganfall 1874 erholte er sich kaum noch. Depressionen plagten ihn – und er seine Umgebung. 1881 verstarb er, Amanda erst 1887. 

War er zu kompromissbereit? Blieb er bei der Barmherzigkeit stehen, anstatt Veränderung anzustreben? Diese Fragen wirft Birnstein am Ende auf. Oder schmälern sie zu sehr Wicherns Leistung, der Hunderten half?

Uwe Birnstein: Johann H. Wichern, Wichern-Verlag 2018; 120 Seiten 16,90 Euro; ISBN 978-3-88981-437-1.