Weltweite Vernetzung besser verstehen

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Lithiumgewinnung in Chile. Foto: epd/M
Lithiumgewinnung in Chile. Foto: epd/M

Informations-Überblick über fast vergessene Zusammenhänge zur Lateinamerikawoche

Straßenkämpfe in Peru – sie schaffen es sogar in die Hauptnachrichtensendungen. Da gab es nach der Absetzung und Verhaftung des ehemaligen Präsidenten Pedro Castillo massive Unruhen. Oder der Sturm auf das Regierungsviertel in Brasilien Anfang Januar. Auch die Reise von Bundeskanzler Olaf Scholz nach Argentinien, Chile und Brasilien zur Sicherung weiterer Rohstoffe aus diesem Ländern Ende Januar war Gegenstand ausführlicher Berichterstattung. Doch selbst da blieben viele Hintergründe im Dämmerlicht.

Ansonsten scheint aber der Kontinent oft im Schatten der Berichterstattung zu stehen. Die Lateinamerikawoche bemüht sich jährlich darum, dies zu ändern. Zu dem vielfältigen Unterstützerkreis gehört an herausragender Stelle auch Mission EineWelt. Auch evangelisch-lutherische Kirchen in Lateinamerika stellen sich der Verantwortung gegenüber der Umwelt und schwächeren Mitgliedern der Gesellschaft. Sie zeigen auf, dass auch Deutschland eng mit den Verhältnissen dort vernetzt sind.

Zum dritten Mal stellten die Veranstalter diesmal die Vorträge online zur Verfügung, obwohl natürlich Präsenzveranstaltungen möglich waren. Doch das ermöglicht es, die Informationen komfortabel abrufbar zu haben – ohne direkt zu den Vorträgen nach Nürnberg fahren zu müssen. Jedoch geschah dies weitgehend erst Anfang Februar, so dass ein Überblick auch für das Sonntagsblatt nun deutlich vereinfacht wird.

Von El Salvador im Norden bis hinunter nach Chile zeigten die Referierenden beispielhaft aktuelle Entwicklungen auf. Teils waren es Akteure vor Ort, deren Aussagen direkt übersetzt wurden. Oder Menschen mit besonderem Engagement und Kenntnissen zu diesen Ländern.

Bereits 2021 und 2022 war die Verfassungsdiskussion in Chile ein wichtiges Thema bei den Vorträgen. Damals klang die Entwicklung hoffnungsvoll: Nach Protesten im Oktober 2019 sollte es einen Neuanfang geben. Denn die alte Verfassung stammt noch aus der Zeit Pinochets. Der Neuentwurf sollte sozialstaatliche Prinzipien aufbauen die Rechte von Frauen und Indigenen sowie den Umweltschutz stärken.

Im September 2022 dann das Erwachen: Eine Mehrheit lehnte den Neuentwurf ab. Bereits in den Tagen danach versuchten Beobachtende Gründe dafür zu finden: Angst vor Veränderungen oder Falschnachrichten, dass Abtreibung und Angriffe auf das Privatvermögen erlaubt seien. Oder eine Überheblichkeit der Gruppen, die Veränderung wollten? Weitere Ursachen für diese Entscheidung konnte auch Mario Neumann, Pressereferent bei medico international, trotz seiner Ankündigung mehr als ein Vierteljahr danach nicht bieten.

Bankrott der Gesellschaft in Mittelamerika?

Dann ging es ans andere Ende des Kontinents: nach El Salvador und Honduras. Beide Länder sind geprägt von der Gewalt der Drogenkartelle und von Auswanderung gerade junger Menschen, die sich vor allem in den USA ein neues Leben aufbauen wollen. Gegen die zunehmende Bandengewalt führte der Präsident Nayib Bukele, wie berichtet, im vergangenen Jahr einen unbegrenzten Ausnahmezustand ein. Doch werden nun gerade junge Männer ohne belastbare Begründung festgenommen. Sie haben bei dem überlasteten Justizsystem kaum eine Möglichkeit, zeitnah ihre Unschuld zu beweisen.

Ferner führte Bukele bereits im September 2021 die Kryptowährung Bitcoin neben dem US-Dollar als zweite offizielle Währung im Land ein. Weite Teile der Bevölkerung installierten sich die entsprechenden Apps, da sie so ein Startguthaben von 30 US-Dollar erhielten. Darüber hinaus ist dies kaum anerkannt, so Referent Christian Ambrosius. Nur für die Geldwäsche, Steuerflucht oder bei Umgehung von Sanktionen biete es Vorteile. Auf die Regierung kamen zudem viele Kosten zur Unterstützung der abstürzenden Währung zu.

Im Unterschied dazu bietet die neue linksgerichtete Präsidentin Xiomara Castro in Honduras der Entwicklung von Privatstädten, so genannten ZEDEs, die Stirn. Sie konnten bislang außerhalb der staatlichen Ordnung von Unternehmen geführt werden. Wer sie finanzierte, konnte fast souveräne Regeln erlassen und sie als praktisch eigenständige Freihandelszonen ohne staatliche Kontrolle führen. Die Privatstadt Próspera etwa reichte gegen ihre geplante Auflösung Ende 2022 eine millionenschwere Klage – über fast die Hälfte des honduranischen Bruttoinlandsproduktes – beim Internationalen Schiedsgericht der Weltbank ein. Das verschleppt zumindest deren Abschaffung.

Und wie stehen die Chancen und Herausforderungen für die Regierung Lulas in Brasilien? 93 Prozent der Menschen im Land hätten sich gegen den Sturm auf das Regierungsviertel ausgesprochen – auch die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB). Welche Chancen hat aber Lula? Auch das steht noch in den Sternen. Viel hängt von seinem Geschick ab, die weitere Verarmung und Gewalt einzudämmen. 

Zwar steigen aufgrund des Ukraine-Krieges die Preise für landwirtschaftliche Produkte wie etwa Weizen, doch ist es wichtig, dass weite Kreise der Bevölkerung davon profitieren. Und es darf auch nicht weiter zu Lasten der Umweltzerstörung des Regenwaldes gehen. 

Ebenso sieht es bei dem steigenden Hunger Europas nach Lithium aus. Es ist notwendig für die Energiewende, um Strom aus erneuerbaren Quellen besser zu speichern, aber auch für die Akkus von E-Autos und Handys. Es kommt gerade in der chilenischen Atacama-Wüste vor, lässt sich aber auch in den angrenzenden Regionen Argentiniens und Boliviens gewinnen. Bundeskanzler Scholz kümmerte sich kürzlich direkt darum. Doch ist der Prozess extrem wasserintensiv – und das in einer der trockensten Regionen der Erde. Teresa Hoffmann von „Brot für die Welt“ berichtete da von weiteren Konsequenzen für die Umwelt. Auch forderte sie, die Möglichkeiten eines EU-Lieferkettengesetzes anzuwenden, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie den Umwelt- und Klimaschutz auch in den Ländern Lateinamerikas positiv zu beeinflussen.

Die Vorträge von 2021 bis heute sind abrufbar: https://www.lateinamerikawoche.de. Dort auch Hinweise auf die Lateinamerikafilmtage bis 15. Februar.